28. März 1979 | Der Atom-Unfall von Harrisburg

AKW Harrisburg (Three Mile Island)

In einem Atomkraftwerk bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania ereignete sich der bislang schwerste Atomunfall der USA. Eine teilweise Kernschmelze erzwang die Evakuierung der Umgebung, nachdem radioaktiv kontaminiertes Gas in die Atmosphäre entwichen war. Über die Zahl der infolge der freigesetzten Radioaktivität Getöteten und Erkrankten gibt es bis heute weit voneinander abweichende Angaben.

Erst durch einen Kommissionsbericht an den US-Präsidenten James Carter wurde am 31. Oktober 1979 bekannt, daß zwei Wasserstoff-Explosionen im Reaktorkern stattgefunden hatten. Nachdem der Reaktor des AKW Three Mile Island - so die offizielle Bezeichnung - Jahre später geöffnet werden konnte, wurde rekonstruiert: Auf dem Höhepunkt des "Störfalls" lag die Temperatur mit rund 1.400 Grad Celsius nur etwa 100 Grad unter dem Schmelzpunkt der Stahlwände des Reaktordruckbehälters.

Reaktor 2 des AKW Harrisburg (Three Mile Island), ein Druckwasser-Reaktor, war erst im Dezember des Vorjahres in Betrieb genommen worden. Der Kernschmelz-Unfall von Harrisburg war der bis dahin schwerste in einem kommerziellen Atomkraftwerk und wurde von der IAEO auf der INES-Skala auf Stufe 5 von insgesamt 7 Stufen eingeordnet.1

Das, was Atomkraft-GegnerInnen auf der ganzen Welt befürchtet hatten und was nach offiziellen Risiko-Studien nur einmal in 10 Millionen Jahren vorkommen dürfte, trat ein. In Folge der Verkettung von Abläufen, bei denen die Bedien-Mannschaft folgenschwere Fehler begangen hatte, war ein Teil des Reaktorkerns geschmolzen.

Ein offenes Ventil, das in der Nacht zum 28. März erst nach zwei Stunden entdeckt wurde, führte zu einem Druckabfall im Reaktorkern. Daraufhin sprangen Einspeise-Pumpen an. Weil die Bedien-Mannschaft annahm, daß genügend Kühlmittel vorhanden sei, wurden sie abgestellt. Ein Dampf-Wasser-Gemisch löste bei den Kühl-Pumpen heftige Vibrationen aus, die im gesamten Gebäude bemerkbar waren. Darauf wurden auch diese abgeschaltet. Im Reaktorkern sank der Wasserstand, jede Minute ging rund eine Tonne Kühlmittel verloren. Die Brennstäbe wurden freigelegt, überhitzten und schmolzen teilweise. Es bildete sich gasförmiger Wasserstoff, weil durch die Überhitzung das Hüllmaterial der Brennelemente mit dem Kühlwasser chemisch reagierte. Mehrere Tage lang galt eine Knallgas-Reaktion (explosive Reaktion von Wasserstoff mit Sauerstoff), die den Reaktordruckbehälter hätte sprengen können, als möglich, ja sogar als wahrscheinlich. In aller Welt verfolgten die Menschen besorgt die Nachrichten. Der Gouverneur des US-Bundesstaates Pennsylvania kam nicht mehr umhin, die Evakuierung der Bevölkerung in der Umgebung des AKW zu veranlassen. 200.000 Menschen aus der Umgebung des AKW flohen vor der Bedrohung durch die unsichtbare radioaktive Strahlung.

Laut der offiziellen Rekonstruktion des Unfall-Hergangs begannen die Fachleute erst dreieinhalb Stunden nach Beginn die Tragweite zu erkennen. Es wurde neues Wasser in den Primär-Kreislauf gepumpt. Später wurde ein Sicherheits-Ventil geöffnet, um den Druck zu reduzieren. Nach neun Stunden entzündete sich das Knallgas-Gemisch im Containment und dessen Innendruck erreichte kurzfristig die Nähe des Auslegungs-Drucks. Es waren 16 Stunden vergangen als die Pumpen im Primär-Kreislauf wieder eingeschaltet wurden - ein großer Teil des Reaktor-Kerns war inzwischen bereits geschmolzen. Während der darauffolgenden Wochen wurde sowohl Wasserstoff als auch Wasserdampf aus dem Reaktor entfernt. Das geschah zum einen durch Kondensatoren, aber auch - was sehr umstritten war - durch einfaches Ablassen in die Umgebung. Es wurde geschätzt, daß während des Harrisburg-Unfalls radioaktives Gas (überwiegend Krypton-85) mit einer Aktivität von rund 1.665 Tera-Becquerel entwich.

Tatsächlich soll kritischen BeobachterInnen zufolge insgesamt mindestens 40mal mehr Radioaktivität in die Umgebung entwichen sein, als die Sonderkommission des US-Präsidenten errechnet hatte. Die Beseitigung der Schäden dauerte mindestens zwölf Jahre und kostete nach offiziellen Angaben umgerechnet rund eine Milliarde Euro. Block 1 des AKW Harrisburg (Three Mile Island) ist nach wie vor in Betrieb.

In einer ersten Studie wurden laut einer medizinischen Untersuchung bei rund 30.000 AnwohnerInnen keine gesundheitlichen Folgeschäden festgestellt. Rund 2000 Schadensersatz-Klagen von Betroffenen wurden daraufhin im Jahr 1996 von einem Bundesgericht abgewiesen.

Bürgerinitiativen wie 'Three Mile Island Alert' und die 'Union of Concerned Scientists' zweifelten die Aussagen von Atom-Industrie und der Atomkontrollbehörde NRC an. Laut 'Three Mile Island Alert' gab es zahlreiche AnwohnerInnen im Umkreis einer Meile, die nach dem Unfall krank wurden oder sogar starben. Eine weitere - unabhängige - Studie2 zeigte schließlich, daß die Häufigkeit von Leukämie in der Hauptwindrichtung des AKW acht- bis zehnmal höher ist als auf der anderen Seite. Die Lungenkrebserkrankungen stiegen in der betroffenen Region um 30 Prozent. Die Zahl der durch die Reaktor-Katastrophe verursachten zusätzlichen Krebsfälle im US-Bundesstaat Pennsylvania wird für den Zeitraum 1985 bis 2005 auf 65.000 geschätzt. Auch der sogenannte Normalbetrieb kostet infolge der permanent abgegebenen Radioaktivität Menschenleben: Eine unabhängige US-amerikanische Studie kam 2007 zu dem Ergebnis, daß das Krebsrisiko im näheren Umkreis von Atomkraftwerken um durchschnittlich 24 Prozent erhöht ist (Siehe unsere Artikel v. 21.07.07, v. 7.12.07, v. 18.05.15 und v. 5.09.16).

Zumindest in den USA wurde nach 1979 und bis 2012 kein einziges AKW mehr gebaut. Daran konnte auch US-Präsident George W. Bush nichts ändern, der in den acht Jahren seiner Amtszeit mehrfach eine "Renaissance der Atomenergie" ankündigte. US-Präsident Barack Obama verdreifachte im Januar 2010 die Höhe der Staatsbürgschaften für den Bau neuer Atomkraftwerke auf mehr als 54 Milliarden US-Dollar (Siehe unseren Artikel v. 30.01.10). Im Februar 2012 erklärte der Energiekonzern Southern Company, zwei neue Atom-Reaktoren bauen zu wollen (Siehe unseren Artikel v. 9.02.12).

Im März 2014 wurden in den USA offiziell drei Atom-Reaktoren als "im Bau" verzeichnet: Ein Druckwasser-Reaktor am AKW Virgil C. Summer (South Carolina Electric & Gas), dessen Bau im März 2013 begonnen wurde; ebenfalls seit März 2013 ein Druckwasser-Reaktor am AKW Vogtle (Georgia Power) und ein seit 1972 als "im Bau" verzeichneter Druckwasser-Reaktor am AKW Watts Bar (Tennessee Valley Authority), der nach offiziellen Angaben Ende 2015 in Betrieb gehen sollte. Tatsächlich ging er im Juni 2016 in Betrieb - bisher das einzige Resultat der von US-Präsident Obama bereitgestellten Milliarden-Subventionen.

Derzeit verfügen 54 der 104 in Betrieb befindlichen US-amerikanischen Atom-Reaktoren über eine von der Nuclear Regulatory Commission erteilte Betriebserlaubnis für 60 Jahre. Der 2013 begonnene Bau eines zweiten Reaktors des AKW Virgil C. Summer wurde im August 2017 aus Kostengründen aufgegeben. Bereits im März 2017 hatte der japanische Konzern Toshiba Insolvenz für sein Tochterunternehmen Westinghouse Electric Company anmelden müssen. Die Kosten der beiden offiziell als in Bau befindlich registrierten Reaktoren 3 und 4 des AKW Vogtle wurden im August 2017 mit 25 bis über 27 Milliarden US-Dollar angegeben. Im Februar 2018 prognostizierte Georgia Power November 2021 respektive November 2022 als Fertigstellungstermine.

Der noch funktionsfähige Reaktor 1 des AKW Harrisburg, der im Jahr 1974 in Betrieb ging, ist nach wie vor in Betrieb. Noch vor fünf Jahren hieß es von offizieller Seite, er werde nicht vor dem 19. April 2034 stillgelegt. Mittlerweile wurde bekannt, daß Reaktor 1 aus wirtschaftlichen Erwägungen am 30. September 2019 endgültig abgeschaltet werde. Andererseits streben die US-amerikanischen Energie-Konzerne und AKW-Betreiber nach wie vor eine Reaktor-Betriebsdauer von 60 Jahren an. So soll etwa der Reaktor des AKW Shearon Harris nach offiziellen Angaben erst am 24. Oktober 2046 stillgelegt werden.

Quelle: www.linkszeitung.de/akwhar190328liz.html

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