AKW Fessenheim und Erdbeben-Risiko

AKW Fessenheim und Erdbeben-Risiko
Erdbeben in der Schweiz

    
    Erdbeben in der CH, 6.03.2017 -
    
Freiburg (LiZ). Am Montag um 21:12 Uhr ereignete sich in der Zentralschweiz ein Erdbeben der Stärke 4,6 auf der Richterskala. Aus diesem Anlaß erinnert die Anti-Atom-Gruppe Freiburg daran, daß das AKW Fessenheim nicht ausreichend gegen Erdbeben geschützt ist und an die vielfältigen anderen Risiken des vom Stadtzentrum Freiburgs nur 24 Kilometer Luftlinie entfernten Meilers.

Immer wieder wird behauptet, das AKW Fessenheim sei selbst vor einem starken Erdbeben wie jenem in Basel im Jahr 1356 geschützt, da es vor vier Jahren nachgerüstet wurde. Lokale Medien zitierten den Bürgermeister von Fessenheim mit dem Satz: "Das AKW wurde nachgerüstet; es würde sogar ein Erdbeben von 6,5 auf der Richterskala aushalten, wie es 1356 die Stadt Basel in Trümmer legte." Basel ist rund 40 Kilometer von Fessenheim entfernt. WissenschaftlerInnen sagen: "Das AKW Fessenheim übersteht möglicherweise ein zweites Beben von der Stärke des Basler Bebens, wenn dessen Epizentrum mindestens 30 Kilometer vom AKW-Standort entfernt ist." Die Aussage des Bürgermeisters von Fessenheim ist also ebenso falsch wie jene der Chef-Manager von TEPCO aus der Zeit vor 2011, als diese behaupteten: "Das AKW Fukushima Daiichi ist vor Tsunamis geschützt." Sie meinten damit Tsunamis mit einer Kammhöhe von maximal sechs Metern und zugleich hielten sie einen Tsunami mit über 13 Metern Höhe für ausgeschlossen.

Berücksichtigt werden muß auch die wissenschaftliche Erkenntnis, daß nicht allein die Stärke des Erdbebens - gemessen nach der Richterskala - und die Entfernung des AKW Fessenheim von dessen Epizentrum entscheidend ist, sondern vor allem die Stärke der Horizontalbeschleunigung. Am 11. März 2011 traf das Erdbeben, dessen Epizentrum 163 Kilometer nordöstlich lag, das AKW Fukushima Daiichi mit einer Horizontalbeschleunigung von über der Hälfte der Erdbeschleunigung (9,81 m/s²). Dies überschritt die bauliche Auslegung der Reaktorgebäude deutlich. Beim Christchurch-Erdbeben in Neuseeland vom Februar 2011 war sogar eine Horizontalbeschleunigung von mehr als dem Doppelten der Erdbeschleunigung - also über 20 m/s² - gemessen worden.

ExpertInnen des Schweizer Erdbebendienstes erinnerten gestern völlig zurecht an die unabweisbare Tatsache, daß es früher oder später in der Schweiz auch wieder zu einem Erdbeben mit einer Stärke von über 6 Einheiten auf der Richterskala kommen wird - "Wann und wo es genau stattfinden wird, ist aber nicht vorherzusehen." Der gesamte Oberrheingraben gehört aus wissenschaftlicher Sicht zu den seismisch aktivsten Zonen in Europa.

Die Anti-Atom-Gruppe Freiburg verweist zudem darauf, daß das Gelände des AKW Fessenheim direkt an den Rheinseitenkanal mit seiner völlig maroden Uferbefestigung angrenzt. Bei einem Erdbeben können laut des im Auftrag der regionalen Überwachungskommission und des Regionalrates in Colmar erstellten und im Juni 2011 veröffentlichten Gutachtens die Betonplatten des Rheinseitenkanals brechen. In der Folge kann das AKW-Gelände innerhalb von acht bis neun Stunden einen Meter hoch überflutet werden. Ein Super-GAU wäre dann - wie im Fall Fukushima - kaum mehr zu verhindern.

Die Betonhülle der beiden Reaktor-Gebäude mit einer Stärke von 80 Zentimetern kann nach wie vor beispielsweise nicht einmal dem gezielten Absturz eines Cessna-Kleinflugzeugs standhalten, geschweige denn dem eines gekaperten Linienflugzeugs nach Vorbild des 11. September 2001.

Die Reaktordruckbehälter, die wegen der Neutronenstrahlung zunehmend verspröden, können in einem Atomkraftwerk nicht ausgetauscht werden. Die beiden Atom-Reaktoren des AKW Fessenheim, die lediglich für eine Betriebsdauer von 25 Jahren ausgelegt sind, hätten wegen der Versprödung der Reaktordruckbehälter spätestens im Jahr 2002 stillgelegt werden müssen. Bereits im Herbst 1979 wurden durch die Aussagen eines vormaligen Sicherheits-Ingenieurs Risse an den Stutzen des Reaktordruckbehälters von Block I bekannt. In den Jahren 1991 und 1996 kam zu Tage, daß sich in den Deckeln der Reaktordruckbehälter Risse gebildet hatten. Die jeweils 54 Tonnen schweren Deckel wurden ausgetauscht...

Das AKW Fessenheim kann vom gegenüberliegenden Ufer des Rheinseitenkanals, das mit LkW zu erreichen ist, leicht mit panzerbrechenden Waffen beschossen werden. Auch auf diese Weise kann ein terroristischer Angriff den Super-GAU auslösen.

Immer wieder kommt es im AKW Fessenheim zu sogenannten "Störfällen" und automatischen Schnellabschaltungen. Es liegt eine Vielzahl an Hinweisen vor, die belegen, daß es im Verlauf der vergangenen 40 Jahre bereits mehrmals zu höchst gefährlichen Situationen kam, bei denen eine Kernschmelze nur noch knapp vermieden werden konnte.

In jedem Atomkraftwerk wird jährlich pro Megawatt elektrischer Leistung die Radioaktivität einer Hiroshima-Bombe erzeugt. Umgerechnet auf die beiden Reaktorblöcke des AKW Fessenheim bedeutet dies, daß dort in jedem Betriebsjahr die kurz- und langlebige Radioaktivität von 1.760 Hiroshima-Bomben entsteht. Die Freisetzung auch nur eines geringen Teils dieser Radioaktivität hätte verheerende Folgen für alles Leben in der gesamten Region. Als Folge einer Reaktorkatastrophe kann bei der meist vorherrschenden Windrichtung ein Territorium bis in den Raum Nürnberg-Würzburg für Jahrzehnte unbewohnbar werden. Hinzu kommt, daß Europas größtes Trinkwasser-Reservoir bis nach Rotterdam radioaktiv verseucht werden kann.

Neben allen technischen Unzulänglichkeiten wird jedoch häufig die größte Gefahrenquelle in einem Atomkraftwerk übersehen: der Mensch. Die Kernschmelz-Katastrophen in dem gerade einmal drei Monate alten Reaktor des AKW Harrisburg am 28. März 1979 und jene vom 26. April 1986 in Tschernobyl wurden durch menschliches Fehlverhalten verursacht. Die Nutzung der Atomenergie in Atomkraftwerken ist eine Technologie, die nicht fehlertolerant ist. Deshalb ist das sogenannte Restrisiko, das Risiko eines Super-GAU, nicht statistisch erfaßbar.

Es ist daher völlig unsinnig, wenn davon die Rede ist, die beiden baden-württembergischen Atomkraftwerke, das AKW Neckarwestheim bei Heilbronn und das AKW Philippsburg bei Karlsruhe, seien "sicher". Auch ein Super-GAU in einem der fünf in der Schweiz in Betrieb befindlichen Atom-Reaktoren an vier Standorten kann je nach Windrichtung die gesamte Schweiz oder auch Süddeutschland bis über Stuttgart hinaus für Jahrzehnte in eine Todeszone verwandeln.

Ingo Falk von der Anti-Atom-Gruppe Freiburg sagt: "Wer vor den Gefahren der Atomenergie nicht die Augen verschließt, kann sich nicht mit dem Versprechen eines Atomausstiegs in fünf oder zehn Jahren oder am Sankt-Nimmerleins-Tag zufrieden geben. Die Forderung nach der sofortigen Stilllegung aller Atomanlagen ist daher so aktuell wie vor fünf, vor zehn oder vor vierzig Jahren."

Quelle: http://www.linkszeitung.de/akwerd170307liz.html

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