Anti-AKW-Demo in Heilbronn

Auftakt zum CASTOR-Widerstand
 
Heilbronn (LiZ). Die traditionelle Anti-AKW-Demo zum Fukushima-Jahrestag fand diesmal - um eine Woche vorverlegt - in Heilbronn statt. Sie bildete zugleich die Auftakt-Veranstaltung für den Widerstand gegen den geplanten CASTOR-Transport auf dem Neckar. Es kamen nicht nur Menschen aus der Region - auch Gruppen aus Freiburg und Gorleben reisten an.
 
Die Demo begann um 13 Uhr auf dem Kiliansplatz, dem zentralen Platz der Heilbronner Innenstadt neben der gotischen Kilianskirche.
 
 
CASTOR-erprobte Unterstützung kam unter anderem aus dem Wendland und Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg übernahm die Moderation. Zu Beginn boten Anete Wellhöfer von der Anti-Atom-Initiative Karlsruhe und Olga Kappler vom Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim mit Fragen und Antworten in Form eines Quiz die wichtigsten Informationen über den geplanten CASTOR-Transport auf dem Neckar (Siehe hierzu auch unsere Artikel v. 30.09.16, v. 11.02.17, v. 18.02.17 und v. 21.02.17).
 
 
Ihr Fazit lautete: "Wir setzen bei der Kampagne Neckar castorfrei auf kreative und widerständige Proteste und rufen euch alle dazu auf, daran teilzunehmen. Unser Motto: Neckar castorfrei! Atomkraftwerke abschalten! Castoren stoppen! Wir stellen uns quer!"
 
Anschließend sprach der Arzt Franz Wagner von der Arbeitsgemeinschaft AtomErbe Neckarwestheim. Er berichtete davon, mit welchen Tricks das baden-württembergische "Umwelt"-Ministerium unter dem pseudo-grünen Minister Franz Untersteller eine breite Verteilung von radioaktivem Müll ermöglicht. Es werde eine großräumige Verstrahlung der Bevölkerung in Kauf genommen - und das nur, um dem "grünen" Atomstrom-Konzern EnBW Kosten zu ersparen.
 
Weiter kritisierte Wagner, daß die "grün-schwarze" Landesregierung - ebenso wie die vorangegangene "grün-rote" - offenbar alles daransetzt, die ansonsten in Sonntagsreden mit dem Slogan des "Gehörtwerdens" hochgehaltene Beteiligung der BürgerInnen im Falle der Genehmigungs-Verfahren beim Abriß von Atomkraftwerken zu verhindern. Eine "Reihe von Gefälligkeitsgenehmigungen" für die EnBW zeige die wahren Prioritäten, so der Mediziner. Weiter wies er auf die" schwere Erblast des Atommülls für Tausende von Generationen" hin und berichtete über geplante CASTOR-Transporte anderenorts. Wagner griff den pseudo-grünen Minister Untersteller wegen eines bislang kaum bekannten Skandals an: Dieser habe eine Bodenausschwemm-Erlaubnis unter dem Gelände des AKW Neckarwestheim erteilt und diese damit begründet, der Weiterbetrieb dieses AKW sei zur "Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit" in Baden-Württemberg erforderlich - und dies sechs Jahre nach der dreifachen Kernschmelze im AKW Fukushima Daiichi und 31 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl.
 
Franz Wagner forderte: "Endlich ernst machen mit Vorsorgeprinzip, Verursacherprinzip und Minimierungsprinzip! Schluß mit der Grenzwertausschöpfung! Schluß mit Geschenken für die EnBW zu unseren Lasten!"
 
Danach zog die Demonstration durch die Heilbronner Innenstadt zur Erwin-Fuchs-Brücke, unter der hindurch die CASTOREN mit der hochradioaktiven Fracht demnächst transportiert werden sollen. Für die musikalische Begleitung sorgten die Percussion-Bands 'Lokomotive Stuttgart' und 'Rhythms of Resistance.
 
Im Neckar unter der Brücke und auf der Brücke erinnerten etliche Piraten-Enten als Vorbotinnen des CASTOR-Protests an die angesichts der Schwere der Bedrohung zugleich nötige "Leichtigkeit des Seins".
 
 
Bei der Abschluß-Kundgebung auf der Erwin-Fuchs-Brücke sprach zunächst Jochen Stay von der bundesweit aktiven Anti-Atom-Organisation '.ausgestrahlt'. Er erinnerte an den Beginn der Katastrophe von Fukushima am 11. März 2011. Die Unfall-Serie begann an diesem Tag, und bis heute ist die Situation in Japan katastrophal. Noch immer fließe verstrahltes Wasser in den Ozean, und überall werde die radioaktiv kontaminierte Erde in Plastiksäcken gelagert. Die Menschen müssen dort täglich damit leben.
 
Stay wies auch auf die schweren Fehlentwicklungen der - nach 2000/2001 - zum zweiten Mal als "Atomausstieg" verkauften bundesdeutschen Atompolitik hin. Nach wie vor sind die Urananreicherungs-Anlage Gronau in NRW und die Brennelementefabrik Lingen in Niedersachsen in Betrieb und versorgen weltweit rund 40 Atomkraftwerke mit Nachschub. Das AKW Philippsburg wird sogar seit 32 Jahren ohne die rechtlich erforderliche Störfall-Beherrschung betrieben - wie erst jüngst zutage kam (Siehe hierzu unseren Artikel v. 23.02.17). Stay kritisierte die "ungenügende Informationspolitik der Atomaufsicht". Er appellierte an die Parteien-Politik und hofft anscheinend weiterhin darauf, daß sich zwei Parteien des parlamentarischen Spektrums doch noch als Anti-AKW-Parteien erweisen könnten: "Es ist mehr als verantwortungslos, daß Grüne und SPD, die früher mit uns auf die Straße gingen, jetzt sagen, das Problem hätte sich erledigt. Ich erwarte, daß sie sich für einen schnellen Atomausstieg stark machen."
 
Mika Kumazaki überbrachte ein Grußwort aus Japan, das zugleich von Kerstin Rudeck in deutscher Übersetzung verlesen wurde. Es gibt wenig erfreuliche Nachrichten aus dem verstrahlten Fukushima: Die Evakuierungen werden nach und nach aufgehoben und die betroffene Bevölkerung unter Druck gesetzt, in die immer noch verstrahlten Gebiete zurückzukehren. Die Menschen sollen nunmehr mit der Radioaktivität und mit den überall gelagerten schwarzen Säcken voll mit abgetragener kontaminierter Erde leben. Es ist geplant große Verbrennungsanlagen zu bauen, um die Mengen an Müll zu verringern - wobei jedoch die Radioaktivität großflächig verteilt würde. In der Summe erkranken dann ebenso viele Menschen und kommen zu Tode, doch der kausale Zusammenhang mit dem dreifachen Super-GAU von Fukushima kann dann nicht mehr bewiesen werden. Schon jetzt steigt die Krebsrate und in der Bevölkerung wächst die Sorge vor Gesundheitsschäden durch die erhöhte Radioaktivität. Auch die Selbstmordrate an den Fluchtorten ist stark angestiegen, immer mehr Menschen erkrankten an Depressionen. Gleichzeitig plant die Präfektur im Fukushima-Distrikt, bis 2020 die Zahl der Evakuierten auf Null zu senken. Auf dem Gelände der AKW-Ruine Fukushima Daiichi sind mittlerweile an den Stahlstützen der 150 Meter hohen "Abluftkamine" Risse und Löcher entdeckt worden. Ohne weitere Maßnahmen drohen sie einzustürzen.
 
Mika Kumazaki sprach im Namen der japanischen Betroffenen deren Dank für die Unterstützung aus Deutschland aus. Sie forderte, der schreckliche Unfall in Fukushima müsse der letzte Atomunfall gewesen sein. Kein Atomkraftwerk dieser Erde dürfe weiter in Betrieb bleiben.
 
Organisiert wurde die Demo vom neu gegründeten Bündnis 'Neckar CASTOR-frei', dem sich neben den südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen auch die bundesweit aktive Anti-Atom-Organisation '.ausgestrahlt' sowie die Umwelt-Organisationen BUND und 'Robin Wood' angeschlossen haben. Beteiligt sind an diesem Bündnis zudem die AG AtomErbe Neckarwestheim, die Initiative AtomErbe Obrigheim, das Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn, das Libertäres Bündnis Ludwigsburg und das Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim.
 
Herbert Würth, Sprecher des Bündnisses 'Neckar CASTOR-frei' zog am Ende das Fazit:"Wir haben es geschafft, ein deutliches Zeichen des Widerstands zu setzen." Er warnte erneut vor einem CASTOR-Transporten auf dem Neckar und durch dicht besiedeltes Gebiet und kündigte den Widerstand der Anti-AKW-Bewegung an.
 
Quelle: http://www.linkszeitung.de/akwdem170304liz.html
 
 

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