Atommüll aus dem AKW Obrigheim EnBW macht Reklame für CASTOR-Transport auf dem Neckar

Heilbronn (LiZ). Die 342 abge­brannten hochradioaktiven Brenn­elemente aus dem 2005 abgeschalteten AKW Obrigheim sollen nach dem Willen des "grünen" Atom-Konzerns EnBW ins "Zwischenlager" des AKW Neckarwestheim transportiert werden. EnBW macht derzeit in den umliegenden Gemeinden Reklame für einen CASTOR-Transport auf dem Neckar. Doch der Widerstand wächst.

Das AKW Obrigheim wurde im Jahr 2005 erst nach einer Laufzeit von 37 Jahren abgeschaltet. Bereits zum Ende der ersten Legislaturperiode der "rot-grünen" Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder mit den pseudo-grünen Ministern Fischer (Außenamt) und Trittin (Atomenergie) im Jahre 2002 hatte sich auch das Versprechen von maximal 32 Jahren AKW-Laufzeiten aus dem Jahr 2000 - der erste sogenannte Atom-Ausstieg - als Betrug erwiesen. (Siehe hierzu unsere Artikel v. 6.02.06 und v. 30.05.11). Auch in den fünf Jahren nach dem Ende der "rot-grünen Ära" - zwischen 2005 und 2010 - wurde in Deutschland kein weiterer Atom-Reaktor stillgelegt, obwohl der "Atom-Ausstieg" in diesen Jahren nicht angetastet wurde.

Nach wie vor sind keine Informationen erhältlich, ob der Reaktordruckbehälter des AKW Obrigheim auf Risse und Versprödung untersucht werden soll. Angeblich wurde der "Rückbau" der AKW-Ruine im Herbst 2008 begonnen. Bis Ende August 2015 wurde angeblich der rund 135 Tonnen schwere Reaktordruckbehälter in den Zerlegebereich des Reaktorgebäudes transportiert. Weiter heißt es von Seiten des EnBW-Konzerns, Ende Juli 2016 sei die Zerlegung des Reaktordruckbehälters abgeschlossen worden. Die Zerlegung sei "vorwiegend unter Wasser, in rund acht Meter Tiefe" vorgenommen worden. Teile wurden anscheinend bereits in Einzelsegmente zerlegt und "verpackt".

Die schon seit 2003 von Seiten der Anti-Atom-Bewegung erhobene Forderung nach Untersuchungen zur Versprödung der Wandung des Reaktordruckbehälters durch die Neutronen-Strahlung wurde ignoriert. Offenbar werden nun die Beweismittel unter Beihilfe der "grün-schwarzen" Landesregierung beiseite geschafft. Selbst der belgische Atomstrom-Kontern Electrabel hatte die Notwendigkeit erkannt, das beunruhigende Phänomen von Riß-Bildungen in Reaktordruckbehältern zu untersuchen: Am 15. Februar 2015 hatte dieser erklärt, einen seiner derzeit noch mit Betriebsgenehmigung ausgestatteten Reaktordruckbehälter zu "opfern", um daran direkte Materialuntersuchungen vorzunehmen (Siehe unseren Artikel v. 17.02.15). Realisiert wurde dies allerdings bis heute nicht.

Während einer der Erfolge des "Atom-Ausstiegs"vor 15 Jahren - für die Atom-Konzerne - darin bestand, daß an nahezu allen AKW-Standorten sogenannte Zwischenlager für die abgebrannten Brennelemente errichtet wurden, unterblieb dies in Obrigheim. Dies dient nunmehr als Vorwand für das Vorhaben, diese 342 abgebrannten hochradioaktiven Brennelemente ins "Zwischenlager" des AKW Neckarwestheim zu transportieren. Hierzu hat der AKW-Betreiber EnBW bereits eine Genehmigung der baden-württembergischen Landesregierung erhalten. Und um das Risiko von CASTOR-Transporten noch zu steigern, plant EnBW, diesen Transport auf dem Wasserweg, auf dem Neckar, zu bewerkstelligen. Alternative Transport-Routen auf Schiene und Straße wurden verworfen.

Der Transport auf dem Neckar sei "sicher und verantwortlich machbar," erklärte Manfred Möller vom EnBW-Konzern gegenüber den Heilbronner Stadträten bei einer aktuellen Werbe-Veranstaltung. Die verkehrsrechtliche Zulassung der Behälter des Typs CASTOR 440/84 mvK ist seit November 2013 erteilt. Aber die im März 2014 beantragte Genehmigung für den Transport von nuklearem Material auf dem Neckar steht noch aus. EnBW will hierzu einen Frachtkahn einsetzen, der unsinkbar sei. Trotz der riskanten Route über den Neckar ist hierbei zugleich eine fünffache Durchfahrt durch das Stadtgebiet von Heilbronn erforderlich.

Das Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim lehnt den "gefährlichen und sinnlosen Atommüll-Transport" von Obrigheim nach Neckarwestheim ab und fordert den Bau eines Atommüll-Lagers am Standort der AKW-Ruine Obrigheim. Die Anti-Atom-Gruppen befürchten bei einem Unfall auf dem Fluß eine radioaktive Verseuchung der Region. Auch der Bürgermeister von Neckarwestheim, Jochen Winkler, möchte diesen CASTOR-Transport am liebsten verhindern.

Ein Motiv bei Landesregierung und Atomstrom-Konzern EnBW für die Transport-Route über den Neckar mag auch darin liegen, daß es bei früheren CASTOR-Transporten vom AKW Neckarwestheim in sogenannte Wiederaufarbeitungsanlagen zu wirkungsvollen Protesten und peinlichen Pannen gekommen war. Im März 1998 standen den DemonstrantInnen 4000 PolizistInnen und tausend GrenzschützerInnen gegenüber. Anti-AKW-AktivistInnen konnten allerdings die als Transport-Route ausersehene Bundesstraße unterhöhlen und so den CASTOR-Transport mehr als sechs Stunden aufhalten. Im April 2001 mußte zur Begleitung der CASTOREN vom AKW Neckarwestheim bis zum Bahnhof des 5,6 Kilometer entfernten Walheim ein Aufgebot von 2500 PolizistInnen zusammengezogen werden. Anti-AKW-AktivistInnen gelang dennoch, diesen CASTOR-Transport durch eine Sitzblockade mehr als eine Stunde zu verzögern.

In etlichen Jahren rollten die CASTOR-Transporte über eine Gefäll-Strecke, die für Gefahrgut wie Heizöl, Benzin und Chemikalien gesperrt war. Die Lauffener Steige durfte nur mit CASTOR-Sondergenehmigung des Bundesverkehrsministeriums befahren werden. Eine Brücke über den Neckar bei Kirchheim musste 1996 auf Kosten des EnBW-Konzerns für fünf Millionen Euro verstärkt werden, um die 227 Tonnen schwere Fracht zu verkraften. Trotz zahlreicher vorgegebener Prüfungen waren die Spezial-Fahrzeuge eines Spediteurs nicht immer zuverlässig: Bremsen wurden einmal so stark strapaziert, daß sie qualmten. Ein fabrikneuer Reifen platzte, ein Austausch-Motor blieb mit einem Kolbenfresser liegen und auf einer Zugmaschine geriet ein Sack mit Pylonen in Brand.

 

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