Das Überleben der Menschheit hängt am seidenen Faden

Damoklesschwert

Zusammen mit dem Friedensforum Freiburg, der ICAN-Hochschulgruppe Freiburg, IPPNW Freiburg, attac Freiburg, Fukushima nie vergessen e.V. und der Ortgruppe der DFG/VK organisierte die Anti-Atom-Gruppe am Hiroshima-Jahrestag, dem 6. August, Info-Stände auf dem Rathausplatz und ein Straßen-Theater. Uns ging es nicht allein um das Gedenken an die vielen Toten und Krebskranken infolge der beiden Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki (9. August 1945), sondern zugleich darum, das Verdrängen der gegenwärtigen Bedrohung der Menschheit mit der Vernichtung durch den Atom-Krieg zu durchbrechen.

Bei vielen Gesprächen am Info-Stand und am Rande des Straßen-Theaters mußten wir leider feststellen, daß etlichen Menschen heute nicht mehr bekannt ist, welches schreckliche Ereignis mit dem Namen der japanischen Stadt Hiroshima verknüpft ist. Schockierend ist zudem, daß viele Menschen der Erzählung Glauben schenken, Europa habe der Atombombe 74 Jahre Frieden zu verdanken. Dieses Gerücht entbehrt jeglicher Grundlage. Bewiesen ist hingegen, daß die beiden Großmächte USA und UdSSR bis 1989 trotz der Existenz gigantischer Atomwaffen-Arsenale weltweit viele Stellvertreter-Kriege führten. HistorikerInnen haben festgestellt, daß die globale Kriegsbelastung im Zeitraum von 1945 bis 1992 stetig zunahm. Über 90 Prozent der Kriege nach 1945 fanden in Regionen der Dritten und ehemaligen Zweiten Welt statt. Laut offiziellen Daten sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs weltweit mindestens 25 Millionen Menschen durch Krieg ums Leben gekommen. Auch die derzeit rund 66 Millionen Flüchtlinge sind zu einem großen Teil durch Kriege aus ihrer Heimat vertrieben worden - Kriege, an denen fast ausschließlich Menschen in den USA, in Rußland, in Europa und in China verdient haben.

Vor diesem Hintergrund ist es zynisch, wenn immer wieder behauptet wird, Europa sei ein Friedens-Projekt und dieser Kontinent habe seit 1945 die längste Friedensperiode erlebt. Wer Krieg in alle Welt trägt, lebt nicht in Frieden. Wer den Kosovo-Krieg (1999), die Balkan-Kriege (1991 - 1995) und den Bürgerkrieg in Nordirland nicht ausblendet, weiß, daß Europa auch auf dem eigenen Territorium in den vergangenen 74 Jahren nicht vor Krieg verschont blieb.

Auch durch die Atomwaffen starben nach 1945 hunderttausende Menschen. Bei rund 2.100 Atomwaffen-Tests wurde eine riesige Menge Radioaktivität freigesetzt, die zu einem großen Teil bis in die Stratosphäre gelangte und so über die gesamte Erdkugel verteilt wurde. Die ÄrztInnen-Organisation IPPNW schätzt die weltweite Zahl tödlicher Krebsfälle durch die Atomwaffen-Tests allein bis zum Jahr 2000 auf mindestens 430.000. Der Strahlenbiologe Prof. Roland Scholz von der Universität München kam bei eigenen Berechnungen auf 3 Millionen zusätzlichen Krebstote bis zum Jahr 2000 allein aufgrund der äußeren Fallout-Strahlenbelastung. Dies bedeutet, daß durch die Atombombe auch in Deutschland, Frankreich und Großbritannien schon Tausende ums Leben kamen.

Am Schlimmsten jedoch ist die permanente Bedrohung, daß durch einen Atom-Krieg die gesamte Menschheit vernichtet werden kann. Nach der logischen Erkenntnis des US-amerikanischen Ingenieurs Edward A. Murphy jr., daß "alles was schiefgehen kann, auch irgendwann schiefgeht" (Murphys Gesetz), bleiben uns nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Menschheit schafft die Atombombe ab oder die Atombombe schafft die Menschheit ab.

Michail Gorbatschow, früherer Staats-Chef der UdSSR, der 1987 mit US-Präsident Ronald Reagan den INF-Vertrag zur Abrüstung von atomaren Mittelstreckenraketen vereinbart hatte, warnte in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder öffentlich vor der Gefahr des Atom-Kriegs aus Versehen. Allein in seiner Amtszeit (1985 bis 1991) war es laut Aussage Gorbatschows mindestens drei Mal nur ganz knapp gut gegangen und nur mit viel Glück habe der Atom-Krieg noch verhindert werden können.

Weltweit stehen derzeit 15.000 Atomsprengköpfe einsatzbereit zur Verfügung, mit denen das Leben auf diesem Planeten 70 Mal vernichtet werden kann. In einer Rede am 10. Oktober 1981 fragte Uta Ranke-Heinemann, wo denn die 100 Milliarden Menschen seien, die per "Overkill" durch die damals verfügbaren Atomwaffen getötet werden könnten. Es bestehe ja kein Mangel an Waffen mehr, vielmehr reichten die Menschen, die durch Atomwaffen vernichtet werden könnten, nicht mehr aus.

Noch immer kann mit einem Einsatz von Atomwaffen ein nuklearer Winter ausgelöst werden, der alle Bemühungen der jungen Generation und ihrer Bewegung "fridays for future" mit einem Schlag zunichtemachen kann. Laut einer im Jahr 2018 veröffentlichten wissenschaftlichen Untersuchung reichen schon hundert Atombomben aus, deren Abwurf auf ein Land dieser Erde so starke Brände auslösen würde, daß in der Folge weltweit 10 bis 20 Prozent bei den wichtigsten Nahrungsmitteln ausfallen und rund 2 Milliarden Menschen schon im ersten Jahr verhungern.

Wenn wir diese apokalyptische Gefahr nicht verdrängen, muß uns klar sein, was die besondere Bedrohung für Städte, auf die Atomraketen vornehmlich zielen, bedeutet. Die städtische Bevölkerung kann im Falle eines Atom-Kriegs mit einem schnellen, statt mit einem langsamen qualvollen Tod rechnen.

ICAN, die Internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen, erhielt am 11. Dezember 2017 in Oslo den Friedensnobelpreis für "ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken und für ihre bahnbrechenden Bemühungen, ein vertragliches Verbot solcher Waffen zu erreichen". Der UNO-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen wurde am 7. Juli 2017 mit den Stimmen von 122 von insgesamt 193 Staaten angenommen. Deutschland hat diesen Vertrag noch nicht unterzeichnet.

International ruft ICAN Städte und Kommunen dazu auf, den UNO-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen (TPNW) zu unterstützen (https://www.icanw.de/ican-staedteappell). Wir warben auch in Freiburg dafür, auf die deutsche Bundesregierung Druck auszuüben, damit sie diesen Vertrag unterzeichnet. Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag von Greenpeace sprechen sich 91 Prozent für den Beitritt Deutschlands zum TPNW-Vertrag aus.

Leider hat US-Präsident Donald Trump den INF-Vertrag von 1987 über die Abrüstung von atomaren Mittelstreckenraketen am 1. Februar 2019 gekündigt. Der russische Präsident Wladimir Putin kündigte kurz darauf seinerseits diesen Vertrag. Es muß damit gerechnet werden, daß in der Folge auch wieder atomare Mittelstreckenraketen in Europa stationiert werden. Die letzte Frist, diesen Vertrag noch zu retten, ist am 1. August trotz der Apelle und vieler Aktionen der Friedensbewegung verstrichen.

Nicht erst seit dem Amtsantritt von Donald Trump wird in den USA an "Mini-Nukes" geforscht. Mit diesen miniaturisierten Atomwaffen soll der Atom-Krieg "führbar" gemacht werden. Das Risiko der Selbstvernichtung der Menschheit nimmt von Jahr zu Jahr zu.

Auch wenn in den Mainstream-Medien häufig suggeriert wird, es habe ein Paradigmen-Wechsel in den USA nach dem Ende der Amtszeit von Barack Obama und der Wahl Donald Trumps ins Amt des US-Präsidenten stattgefunden, muß daran erinnert werden, daß Obama keineswegs der Friedens-Messias war, den seine Image-Kampagne verhießen hatte. Entgegen seinen charismatischen Reden unterschied sich US-Präsident Barack Obama weder von seinen Amtsvorgängern oder von seinem Nachfolger. In einer Rede am 24. Juli 2008 in Berlin suggerierte Obama, er kämpfe für "eine Welt ohne Atomwaffen". Als US-Präsident erneuerte er dieses Versprechen in einer viel beachteten Rede am 5. April 2009. Am 10. Dezember 2009 erhielt er den Friedensnobelpreis. Doch bereits im Mai 2010 beschloß Obama, 80 Milliarden US-Dollar in die US-amerikanischen Atomwaffen zu investieren.

Zunächst hieß es 2010, die 80 Milliarden US-Dollar würden lediglich der "Modernisierung" der US-amerikanischen Atomwaffen dienen. Aber 2013 stellte sich heraus, daß es sich um eine Neuentwicklung handelt. Bis 2020 sollen mit diesem Geld die - auch in Büchel gelagerten - Atombomben des Typs B61 durch neue des lenkbaren Typs B61-12 ersetzt werden. Wenn Atombomben lenkbar sind, bedeutet dies eine erhebliche Verbesserung der Treffergenauigkeit. Auf russischer Seite erhöht sich dadurch das Risiko, daß bei einem atomaren Erstschlag der USA die tief eingebunkerten Kommandostände noch vor der Auslösung des atomaren Zweitschlags zerstört werden könnten - eine gefährliche Beschleunigung der Aufrüstungs-Spirale.

Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm schrieb 1964:

"Ich werde mich hier nicht mit allen Aspekten befassen, die einen modernen Krieg motivieren und die großenteils auch schon bei früheren Kriegen genauso vorhanden waren wie beim Atomkrieg. Es geht mir um ein sehr wesentliches Problem, das speziell den Atomkrieg betrifft. Welche Begründung man auch immer für frühere Kriege vorgebracht haben mag - Verteidigung gegen einen Angriff, wirtschaftliche Vorteile, Befreiung, Ruhm, Erhaltung eines bestimmten Lebensstils - alle diese Begründungen sind für einen Atomkrieg nicht mehr stichhaltig. Man kann nicht mehr von Verteidigung, von Vorteilen, von Befreiung oder Ruhm sprechen, wenn "bestenfalls" die Hälfte der Bevölkerung innerhalb von Stunden in Asche verwandelt wird, wenn alle Kulturzentren zerstört sind und das Leben für die Überlebenden auf so barbarische Weise brutalisiert wird, daß sie die Toten beneiden werden.
Wie kommt es, daß trotz alledem die Vorbereitungen für den Atomkrieg weitergehen, ohne daß stärker, als dies bisher geschieht, dagegen protestiert wird? Wie ist es möglich, daß nicht mehr Leute mit Kindern und Enkeln aufstehen und laut Protest erheben? Wie kommt es, daß Menschen, die doch vieles haben, wofür es sich zu leben lohnt, oder die doch wenigstens diesen Anschein erwecken, nüchtern die Vernichtung alles dessen erwägen? Es gibt viele Antworten auf diese Fragen, doch gibt es keine befriedigende Erklärung - außer der einen: daß die Menschen deshalb die totale Vernichtung nicht fürchten, weil sie das Leben nicht lieben; oder weil sie dem Leben gleichgültig gegenüber stehen oder sogar weil sich viele vom Toten angezogen fühlen.
Diese Hypothese scheint allen unseren Annahmen zu widersprechen, daß die Menschen das Lebendige lieben und sich vor dem Toten fürchten und daß außerdem unsere Kultur mehr als jede zuvor ihnen Zerstreuung und Vergnügungen bietet. Aber vielleicht sollte man sich fragen, ob unsere Zerstreuungen und Vergnügungen vielleicht etwas ganz anderes sind als Freude und Liebe zum Leben.
(...)
Es ist nicht einmal allzu abwegig zu vermuten, daß der Stolz und die Begeisterung des homo mechanicus über Geräte, die Millionen von Menschen auf eine Entfernung von mehreren tausend Meilen innerhalb von Minuten töten können, größer ist als seine Angst und seine Niedergeschlagenheit über die Möglichkeit einer solchen Massenvernichtung. Der homo mechanicus genießt noch den Sex und den Drink, aber er sucht diese Freuden in einem mechanischen und unlebendigen Rahmen. Er meint, es müsse da einen Knopf geben, den man nur zu drücken brauche, um Glück, Liebe und Vergnügen zu erhalten. (Viele gehen zum Psychotherapeuten mit der Illusion, er könne ihnen sagen, wo so ein Knopf zu finden ist.)
(...)
Man überlege sich einmal, welche Rolle das Töten in unseren Unterhaltungsprogrammen spielt. Die Filme, die Comic Strips, die Zeitungen sind höchst aufregend, weil sie eine Menge von Berichten über Destruktion, Sadismus und Brutalität enthalten. Millionen Menschen führen ein eintöniges, aber behagliches Leben, und nichts bringt sie mehr in Erregung, außer sie sehen, wie einer umkommt, oder lesen darüber, und es ist gleichgültig, ob es sich nun um einen Mord oder einen tödlichen Unfall bei einem Autorennen handelt. Ist das kein Hinweis darauf, wie tief diese Faszination am Toten bereits in uns Wurzeln geschlagen hat?
(...)
Kurz gesagt: Intellektualisierung, Quantifizierung, Abstrahierung, Bürokratisierung und Versachlichung - die Kennzeichen der heutigen Industriegesellschaft also - sind keine Lebensprinzipien, sondern mechanische Prinzipien, wenn man sie auf den Menschen statt auf Dinge anwendet. Menschen, die in einem solchen System leben, werden gleichgültig gegenüber dem Leben und fühlen sich vom Toten angezogen. Freilich merken sie es selber nicht. Sie verwechseln den erregenden Kitzel mit Lebensfreude und leben in der Illusion, ein sehr lebendiges Leben zu führen, wenn sie viele Dinge besitzen und benutzen können. Die spärlichen Proteste gegen den Atomkrieg, die Diskussion unserer Fachleute für Atomkrieg über das Gleichgewicht totaler oder halb-totaler Zerstörung zeigt, wie weit wir uns im "finsteren Tal des Todes" befinden.
Wir finden diese Merkmale einer nekrophilen Orientierung in sämtlichen modernen Industriegesellschaften ohne Rücksicht auf ihre jeweilige politische Struktur. Die Gemeinsamkeiten des russischen Staatskapitalismus mit dem korporativen Kapitalismus sind größer als die Unterschiede. Beiden gemeinsam sind ihre bürokratisch-mechanischen Methoden und ihre Vorbereitung der totalen Destruktion."

(Erich Fromm, 'The Heart of Man' - in deutscher Übersetzung von Liselotte und Ernst Mickel unter dem Titel 'Die Seele des Menschen')

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