Das sicherste AKW der Welt... ...seit 40 Jahren

AKW Zwentendort

Am heutigen Montag, 5.11.18, hat die internationale Anti-Atom-Bewegung Grund zum Feiern: Am 5. November vor 40 Jahren gelang in Österreich der erste Atom-Ausstieg Europas. Mit einem Ergebnis von 50,47 Prozent "Nein"-Stimmen ging ein Volksentscheid knapp zugunsten der Atomkraft-GegnerInnen aus. Der damalige SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky, ein Atomkraft-Befürworter, akzeptierte die Entscheidung und das bereits fertiggestellte AKW Zwentendorf ging nicht in Betrieb. Es wurde damit zum sichersten AKW der Welt.

In Österreich erhielt die Anti-Atom-Bewegung 1978 beim Wahlkampf vor dem Volksentscheid Unterstützung von etlichen Prominenten. Am 24. Oktober 1978 traten bei einer Soli-Veranstaltung - wie es heute heißen würde - die damals auch in Deutschland bekannte Schauspielerin Erika Pluhar (am Wiener Burgtheater 1959 - 1999), die Sänger Georg Danzer und Wolfgang Ambros auf, der Kabarettist und Schauspieler Lukas Resetarits machte den Conférencier und auch der Kabarettist Werner Schneyder (zu jener Zeit im Duo mit Dieter Hildebrandt einer der schärfsten deutschsprachigen Kabarettisten) leistete gratis seinen Beitrag, um die Menschen in den Musentempel Wiener Konzerthaus zu locken, in dem an diesem Abend kein Eintritt bezahlt werden mußte.

Erika Pluhar las ganz einfach zur Belustigung des Publikums Original-Zitate aus einem Brief der deutschen "Reaktorsicherheitskommission" vor. Und die damals europaweit bekannte österreichische Folk-Politrock-Band Schmetterlinge spielte Stücke wie "Hände über Hönnepel", deren Texte damals fast alle in der Anti-Atom-Bewegung mitsingen konnten.

Auch wenn Danzer damals sang: "So bleed sama need wia's da Kreisky gern heet", ist Bruno Kreisky zugute zu halten, daß er nach seiner Niederlage die AKW-Pläne aufgab. In Italien, wo 9 Jahre später ebenfalls der Atom-Ausstieg durchgesetzt werden konnte, war es umgekehrt. Nahezu alle Parteien bis hin zur "kommunistischen" KPI befürworteten vor dem italienischen Volksentscheid heuchlerisch das "Anliegen", um dann hinterher mit aller Kraft zu versuchen, den Atom-Ausstieg doch noch zu verhindern (Siehe unseren Artikel v. 8.11.17).

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sagte eine Mehrheit "Nein Danke!" zu einer Entwicklung, die bis dahin von Industriellen, TechnokratInnen und PolitikerInnen als "Fortschritt" propagiert worden war. "Fortschrittsgläubige" denunzierten dieses "Nein", das ihnen als bedrohliches Menetekel erschien, als Rückfall in vorindustrielle Maschinenstürmerei. Und die großen Medien vervielfältigten die Prophezeiung: "Ohne Atomenergie gehen die Lichter aus!" Auch Wiens industriefreundliche Zeitung 'Die Presse' schrieb am 6. November 1978 propagandistisch von einem "Sieg der Fackeln über das Atomzeitalter".

Zwentendorf liegt an der Donau und ziemlich zentral im Bundesland Niederösterreich. Heute sind laut Umfragen fast 85 Prozent der NiederösterreicherInnen gegen Atomkraft. Das war aber nicht immer so. Am 5. November 1978 votierten 50,9 Prozent der Niederösterreicher für die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich im Energiebereich viel getan. Seit 2015 erzeugt Niederösterreich 100 Prozent des Strombedarfs mit Hilfe von Wasser, Wind, Sonne und Biomasse. Die Zustimmung zu den erneuerbaren Energien liegt jetzt bei 91 Prozent.

Wie an so vielen anderen Orten auf diesem Planeten wurde auch das AKW Zwentendorf - vor der Volksabstimmung! - als das "sicherste der Welt" gepriesen. Und dies ungeachtet des Widerspruchs zur eigenen Propaganda, wonach jedes Atomkraftwerk absolut sicher sei.

Gekostet hatte das Atomkraftwerk - 30 Kilometer vor Wien - in sechs Jahren Bauzeit 5,2 Milliarden Schilling (1,6 Milliarden Euro nach heutiger Kaufkraft). Für die erste Beschickung des Reaktors lagen bereits 484 Brennstäbe bereit und vorsorglich war Natur-Uran aus Südafrika importiert worden, für welches mit US-Firmen Anreicherungs-Verträge mit einer Laufzeit von 20 Jahren unterzeichnet in der Schublade lagen. Als es dann nach dem 5. November 1978 aber nicht in Betrieb ging, wurde es tatsächlich zum sichersten AKW der Welt.

Wie so viele Prophezeiungen war denn auch die in der bekannten schwedischen Tageszeitung 'Dagens Nyheter' abgedruckte zugleich richtig und falsch. Dort war im November 1978 zu lesen: "Das gleiche kann in anderen Ländern geschehen, ehe dieses Jahrzehnt zu Ende geht." Einerseits konnte neun Jahre darauf - 1987 - auch in Italien der Atom-Ausstieg durchgesetzt werden. Andererseits sind Österreich und Italien bis heute die einzigen beiden Länder Europas, wo dies gelang. Naive Gemüter in Deutschland müssen bis heute immer wieder darauf hingewiesen werden, das ein Atom-Ausstiegs-Versprechen etwas anderes ist als ein realer Atom-Ausstieg. Und zu erinnern ist daran, daß ein Atom-Ausstiegs-Versprechen schon in vier europäischen Staaten von der Parteien-Politik gebrochen wurde: in Schweden 1998, in Spanien 2009, in Deutschland 2010 und in Belgien 2015.

Und zu erinnern ist auch daran, wie frech die Öffentlichkeit von den Mainstream-Medien für dumm verkauft wurde: In den neun Jahren bis 2010 hieß es immer wieder, der deutsche Atom-Ausstieg sei ein nationaler Alleingang in Europa. Damit wurde zum Einen an die im "Untertan" tief verwurzelte Angst appelliert, nicht zur Herde zu gehören und ein Einzelgänger zu sein. Zum Anderen diente diese Propaganda dem Zweck, den Unterschied zwischen einem realen Atom-Ausstieg und einem Atom-Ausstiegs-Versprechen zu verwischen, die Atomkraft-GegnerInnen also in Sicherheit zu wiegen. Ganz abgesehen davon, daß die Schreiberlinge schon ab 2002 sicher waren, daß sich nur noch einige Wenige an den Atom-Ausstieg in Österreich und jenen in Italien erinnern würden und daß deren Stimmen nicht mehr bis zur "breiten Masse" vordringen könnten.

Quelle: www.linkszeitung.de/akwzwe181105liz.html

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