Demo für sofortige Stilllegung ...

... der Brennelemente-Fabrik Lingen
29.10.2016, Lingen (LiZ). Unter dem Motto "Atomkraftwerken jetzt den Saft abdrehen! Brennstoffversorgung aus Lingen und Gronau stoppen!" haben Atomkraft-GegnerInnen im nieder­sächsischen Lingen gegen die weltweite Belieferung von Atom­kraftwerken protestiert. RednerInnen prangerten vor allem die "skrupellose" Versorgung der französischen Atomkraftwerke Fessenheim und Cattenom, sowie der belgischen AKW Doel und Tihange an.

Aus den Reihen der DemonstrantInnen war auf Plakaten und in Sprech-Chören auch immer wieder die Forderung nach der sofortigen Stilllegung aller Atomanlagen in Deutschland und "Atom-Ausstieg ist Handarbeit" zu hören. Aufgerufen hatten das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie, das Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen, AntiAtomBonn, die Anti-Atom-Gruppe Osnabrück, die Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad, der Arbeitskreis Umwelt (AKU) Schüttorf, der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, der Elternverein Restrisiko Emsland und IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung). Über hundert weitere Organisationen und Verbände hatten den Aufruf unterstützt. Die TeilnehmerInnen waren mit der Bahn und mit Bussen aus allen Teilen Deutschlands angereist, so aus Aachen, Braunschweig und Münster, aus dem Wendland und aus dem Dreyeckland. Anti-Atom-Initiativen aus Belgien, Frankreich und Rußland hatten RednerInnen entsandt.
Matthias Eickhoff vom 'Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen' wies in seiner Rede auf den Widerspruch hin, daß in Deutschland einerseits vom Atom-Ausstieg geredet werde, andererseits aber weder die "rot-grüne" niedersächsische Landesregierung noch die "schwarz-rote" Bundesregierung den Export von Brennelementen unterbinden: "Bundesumwelt­ministerin Barbara Hendricks kritisiert den Weiterbetrieb der unsicheren Reaktoren im belgischen Doel und im französischen Fessenheim und unterschreibt gleichzeitig die Export-Genehmigung für Brennelemente aus Lingen dorthin." Auch in Deutschland sind noch acht Atom-Reaktoren - de facto auf unbestimmte Zeit - in Betrieb und Eickhoff kritisierte: "Wir wissen nicht, wohin mit dem Atommüll, produzieren hier aber munter weiter."

Die Brennelemente-Fabrik Lingen (Niederachsen) und die Urananreicherungsanlage Gronau (NRW) haben internationale Bedeutung. Areva, der Betreiber der Brennelemente-Fabrik Lingen rühmt sich auf seiner Internet-Seite damit, auch Aufträge vom deutschen AKW-Betreiber RWE, vom finnischen AKW-Betreiber TVO und zur Belieferung des spanischen AKW Trillo erhalten zu haben. Die Urananreicherungsanlage, UAA Gronau, nur rund 40 Kilometer von der Brennelemente-Fabrik Lingen entfernt, wird vom deutsch-britisch-niederländisches Konsortium Urenco betrieben und versorgt die Atomindustrie mit angereichertem Uran. Dieses wird zu Brennelementen weiterverarbeitet, die im Reaktordruckbehälter von Atomkraftwerken mit Hilfe von Kernspaltung zur Erzeugung von Wärme eingesetzt werden. Die deutschen AKW-Betreiber E.on und RWE halten an Urenco jeweils 16,5 Prozent der Anteile. Nach eigenen Angaben liefert Urenco den Brennstoff für rund 25 Prozent aller Atomkraftwerke weltweit. Die beiden Atomanlagen in den "rot-grün" regierten Bundesländern Niedersachsen und NRW verfügen nach wie vor über eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Nach einem von IPPNW in Auftrag gegebenen Rechts-Gutachten ist ein Export-Stop rechtssicher möglich - vorausgesetzt, es würden die entsprechenden Gesetze erlassen.

Christina Burchert vom AKU Schüttorf brachte die Sorge aller Menschen in der näheren Umgebung der Brennelemente-Fabrik Lingen zum Ausdruck. Auch ihr Wohnort werde im Falle eines Unfalls in der Brennelementefabrik Lingen oder eines Super-GAU im nur rund zwei Kilometer entfernten AKW Emsland in der Todeszone liegen. Dann müsse damit gerechnet werden, daß der Katastrophenschutz versagt. "Wirklichen Schutz bietet nur sofortiges Abschalten," ist ihre Schlußfolgerung. Burchert kritisierte ebenfalls, daß skrupellos weiter Atommüll produziert wird, obwohl es bis heute weltweit kein Endlager gibt. Der Rückbau des 1977 abgeschalteten AKW Lingen wurde begonnen, obwohl es keinen Nachweis gibt, wo der radioaktive Müll in Zukunft sicher untergebracht werden könne. "Der Atom-Müll wird jetzt im Keller des Reaktorgebäudes gelagert," sagte sie. Über Andreas Hoff, Werksleiter der Brennelemente-Fabrik Lingen, sagte Burchert: "Ihm ist es egal, wo der Atom-Müll bleibt." Im August stellte sie Fragen an die Geschäftsführung, die nach eigener Auskunft transparent mit Anfragen der AnwohnerInnen umgehen will. "Doch bis heute sind die Fragen unbeantwortet geblieben und ein Gespräch wurde abgelehnt," so die Schüttorferin.

Hoff betone auch immer wieder, daß die TeilnehmerInnen an Demonstrationen nicht aus Lingen, sondern von weit her kommen würden. "Ja, Herr Hoff, einige Menschen kommen von weit her, um deutlich zu machen, daß die Schrottreaktoren in Belgien, Frankreich und anderswo mit Brennelementen aus Lingen am Laufen gehalten werden," sagte Burchert. Sie versicherte, nicht gegen den Erhalt von Arbeitsplätzen zu sein. "Qualifizierte Arbeitnehmer werden noch jahrelang mit dem Rückbau von Atomanlagen beschäftigt sein.“ Außerdem weise sie seit Jahren auf die Möglichkeit hin, frühzeitig auf die Konversion der Atomanlagen zu setzen. Im Übrigen bietet der Bereich der erneuerbaren Energien ein Vielfaches der Arbeitsplätze, die im Bereich der Atom-Wirtschaft früher oder später unweigerlich verloren gehen.


Musikalische Beiträge kamen auf den beiden Kundgebungen, um 13 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz und ab 14:30 Uhr auf dem Markplatz nicht zu kurz. Es spielten der Gitarist und Sänger Gerd Schinkel aus Köln und die Peace Developement Crew aus Hannover, die Reggae mit deutschen politischen Texten verbindet. Auf dem Markplatz versorgte die Volxküche Schüttorf die Atmomkraft-GegnerInnen mit Kaffee, Tee, Kuchen und Schnittchen.

Charlotte Mijeon vom französischen Netzwerk für den Atomausstieg, Réseau Sortir du nucléaire, und Marc Alexander, der für die belgischen Atomkraft-GegnerInnen sprach, betonten die Wichtigkeit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Ein Sprecher der Atomkraft-GegnerInnen aus dem Dreyeckland, der Region um das AKW Fessenheim zwischen Elsaß, Baden und der Schweiz wies darauf hin, daß es nur wenigen Menschen überhaupt bekannt sei, woher das älteste französische Atomkraftwerk, das AKW Fessenheim, mit Brennstoff versorgt wird. Außerdem sei vermutlich schon im kommenden Jahr die überregionale Solidarität gefragt: Ein CASTOR-Transport von dem 2005 abgeschalteten AKW Obrigheim ins sogenannte Zwischenlager des AKW Neckarwestheim sei geplant - "ausgerechnet auf dem Wasserweg, auf dem Neckar!"

Quelle http://www.linkszeitung.de/akwlin161029liz.html

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