Fukushima: Schilddrüsen-Krebs bei immer mehr Kindern

6.01.2015, Fukushima (LiZ). Die Folgen des dreifachen Super-GAU treten immer
deutlicher zu Tage. Nach neuen Daten einer
Schilddrüsen-Reihenuntersuchung steigt die Zahl der Neuerkrankungen bei
japanischen Kindern.

In Fukushima wurden die neuesten Daten der
Schilddrüsen-Reihenuntersuchungen veröffentlicht. Sie deuten erstmals
auf einen Anstieg der Neuerkrankungen von Schilddrüsen-Krebs bei
japanischen Kindern hin. Im Rahmen des ersten "Screenings" wurde bereits
bei 84 Kindern Schilddrüsen-Krebs festgestellt, der zum Teil bereits
Metastasen gebildet hatte. Bei ihnen mussten daraufhin Teile der
Schilddrüsen operativ entfernt werden.

Bei 24 weiteren Kindern liegen ebenfalls krebsverdächtige
Biopsie-Befunde vor. All diese Fälle wurden von den Behörden in Japan
bislang auf den "Screening-Effekt"geschoben. Laut der
ÄrztInnen-Organisation IPPNW wird damit die Beobachtung bezeichnet, daß
bei Reihenuntersuchungen Krankheitsfälle gefunden werden, die klinisch
noch keine Symptome gezeigt haben und erst zu einem späteren Zeitpunkt
aufgefallen wären.

Jetzt liegen allerdings die ersten Zahlen der Nachuntersuchung von
Kindern vor, die bereits im ersten Screening erfaßt worden waren.
Bislang wurden 60.505 Kinder nachuntersucht und bei 57,8 Prozent Knoten
oder Zysten gefunden. Im Erst-Screening lag diese Rate noch bei 48,5
Prozent. In konkreten Zahlen bedeutet das, daß bei 12.967 Kindern, bei
denen im ersten Screening noch keine Anomalien gefunden wurden, nun
Zysten oder Knoten festgestellt - bei 127 von ihnen sogar so große, daß
eine weitere Abklärung dringend notwendig wurde.

Auch bei 206 Kindern mit kleinen Zysten oder Knoten im Erst-Screening
wurde in der Nachuntersuchung ein so rasches Wachstum festgestellt, daß
weitergehende Diagnostik eingeleitet wurde. Aktuell wurde bei elf dieser
Kinder eine Feinnadel-Biopsie durchgeführt, bei vier von ihnen besteht
nun der akute Verdacht auf eine Krebserkrankung. Sollte sich bei diesen
Fällen die Krebserkrankung bestätigen, ließe sich das nicht mehr mit
einem Screening-Effekt begründen, denn es würde sich um Neuerkrankungen
handeln, die sich im Laufe der vergangenen beiden Jahren entwickelt hätten.

"Zwar ist es noch zu früh, die langfristigen gesundheitlichen Folgen der
Atomkatastrophe abschätzen zu können, doch diese ersten
Untersuchungsergebnisse sind besorgniserregend," erklärt der
stellvertretende IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen. "Bislang liegt nur
ein Bruchteil der Ergebnisse der Nachuntersuchungen vor. Basierend auf
den Erfahrungen aus Tschernobyl werde die Zahl der
Schilddrüsen-Krebserkrankungen noch über viele Jahre ansteigen." Gemäß
den Zahlen der Vereinten Nationen sei von mehr als 1.000
Schilddrüsen-Krebsfällen als Folge der Atomkatastrophe auszugehen, wobei
die tatsächlich zu erwartende Zahl vermutlich noch um ein vielfaches
höher liegt, da sich die UN in ihren Berechnungen auf verzerrte Annahmen
stützte.

Gleichzeitig stellt Schilddrüsen-Krebs nur einen kleinen Teil der
gesundheitlichen Folgen der radioaktiven Kontamination der Bevölkerung
dar: erhöhte Raten an Leukämien, Lymphomen, soliden Tumoren,
Herz-Kreislauferkrankungen, hormonellen, neurologischen und
psychiatrischen Störungen werden aufgrund früherer Erfahrungen mit
Fällen radioaktiver Kontamination erwartet. Hinzu kommen die nicht
unerheblichen psychosozialen Auswirkungen durch die Traumatisierung und
das Gefühl, von den Behörden getäuscht und allein gelassen zu werden.

IPPNW weist darauf hin, daß die Menschen in Fukushima und den anderen
verstrahlten Regionen in Japan dringend eine umfassende medizinische
Beratung und ein auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes und transparentes
Angebot an Vorsorge-Untersuchungen benötigen, mit dem Krankheiten
frühzeitig erkannt und behandelt werden können und auf dessen Ergebnisse
die Patienten Zugriff haben. All das ist nach Kenntnis von IPPNW in
Japan derzeit nicht gewährleistet. Die deutsche IPPNW-Sektion appelliert
an die Verantwortlichen, die nötigen Maßnahmen in die Wege zu leiten, um
weiteren gesundheitlichen Schaden von den betroffenen Menschen abzuwenden.


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Quelle http://www.linkszeitung.de/akwjap150106liz.html

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