Fukushima - Tokio - Neckarwestheim | Demo für sofortigen Atom-Ausstieg

Demo am AKW Neckarwestheim, 8.03.2020 - Foto: Klaus Schramm - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0

Vor 9 Jahren, am 11. März 2011, ereignete sich im japanischen AKW Fukushima Daiichi ein dreifacher Super-GAU. Im Sommer 2011 versprach die deutsche Bundesregierung einen Atom-Ausstieg. Derzeit sind in Deutschland sechs Atomkraftwerke in Betrieb und sowohl die Urananreicherungsanlage Gronau als auch die Brennelementefabrik Lingen produzieren weiter mit unbefristeter Betriebsgenehmigung. In Japan sollen in Kürze olympische Spiele beginnen - teils in radioaktiv kontaminierten Zonen. Am heutigen Sonntag, 8. März 2020, fand am baden-württembergischen "grünen" AKW Neckarwestheim eine Demo mit rund 700 Menschen statt, die den sofortigen Atom-Ausstieg forderten.

Zu der Demo aufgerufen hatte das Bündnis 'Fukushima-Neckarwestheim', das von 27 Organisationen getragen wird (www.endlich-abschalten.de). Als erste Rednerin berichtete Nagomi Norimatsu von der aktuellen Situation in Japan. Sie hob hervor, daß die Anti-Atom-Bewegung in Japan in den vergangenen 9 Jahren die Stilllegung von 17 Atom-Reaktoren der insgesamt 58 Atom-Reaktoren in 18 AKW durchsetzen konnte.

Nagomi Norimatsu, Demo am AKW Neckarwestheim, 8.03.2020 - Foto: Klaus Schramm - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0

Die Lage in Japan ist unübersichtlich, weil in den Mainstream-Medien meist nicht zwischen "abgeschaltet" und "stillgelegt" unterschieden wird. Denn zunächst wurden 2011 alle 54 noch funktionsfähigen von insgesamt 58 Atom-Reaktoren in den 18 japanischen Atomkraftwerken abgeschaltet - jedoch keineswegs mit der Absicht, sie stillzulegen. Offensichtlich hatte dies rein taktische Gründe, denn schon ab 2012 wurde damit begonnen, einzelne Reaktoren in weit von Fukushima entfernten Atomkraftwerken wieder in Betrieb zu nehmen. Derzeit sind 17 Atom-Reaktoren in Japan stillgelegt, vier der sechs Reaktoren des AKW Fukushima Daiichi wurden bei der Katastrophe zerstört - davon drei durch Kernschmelze - und 8 Atom-Reaktoren sind wieder in Betrieb. Die übrigen 29 Atom-Reaktoren - also exakt die Hälfte - sind lediglich abgeschaltet und können jederzeit wieder in Betrieb genommen werden.

Nagomi Norimatsu gab Informationen über die Lage der Kinder in den vom Super-GAU betroffenen Gebeten weiter, die von den Mainstream-Medien meist ausgeblendet werden. Unter allen von Radioaktivität in der Region Fukushima hervorgerufenen Krebs-Arten wird lediglich Schilddrüsen-Krebs - also nur ein kleiner Teil - von der japanischen Regierung statistisch erfaßt.

Die Neuerkrankungsrate an Schilddrüsenkrebs bei Menschen unter 25 Jahren liegt laut offiziellen japanischen Angaben bei rund 6 Fällen pro einer Million pro Jahr . Neun Jahre nach Beginn der Atomkatastrophe wären in der untersuchten Bevölkerung in der Region Fukushima bei knapp 218.000 Untersuchten rechnerisch demnach 11 bis 12 Schilddrüsenkrebsfälle zu erwarten. Die tatsächliche Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle in Fukushima liegt allerdings bei 197 Fällen und damit mindestens um das 17-Fache darüber. Betrachten wir nur die neuen Fälle seit 2014, liegt die reale Zahl sogar um das 23-Fache darüber. Neben der steigenden Zahl von Schilddrüsenkrebs-Fällen fanden die ForscherInnen jährlich steigende Raten an Knoten und Zysten in den kindlichen Schilddrüsen.

Mit Blick auf die olympischen Spiele, die in Kürze in Japan beginnen sollen, kritisierte Nagomi Norimatsu die japanische Regierung, dieser gehe es offensichtlich darum, der Weltöffentlichkeit ein Bild zu präsentieren, alles sei in Ordnung. Bekanntlich wurde der Grenzwert für Radioaktivität in Japan 2011 per Dekret von 1 mSv pro Jahr auf 20 mSv pro Jahr erhöht. Doch in den radioaktiv belasteten Zonen, in denen nun olympische Baseball- und Softball-Wettkämpfe stattfinden sollen, wird sogar dieser Grenzwert überschritten. "Dies ist immer noch der atomare Notfall," sagte Norimatsu. Außerdem wies sie in ihrer Rede darauf hin, daß selbst die Weltgesundheits-Organisation WHO, die häufig dafür kritisiert wird, die Gefahren der Atomkraft zu verharmlosen, in einer Stellungnahme gegenüber der japanischen Regierung festhielt: 20 mSv pro Jahr sind für Kinder zu hoch.

Jörg Schmid, Demo am AKW Neckarwestheim, 8.03.2020 - Foto: Klaus Schramm - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0

Der Arzt Jörg Schmid von IPPNW stellte die Kampagne zu den "radioactive olympics" vor. Allein aus den offiziell vorliegenden Zahlen sei bei der sich in 5 bis 6 Jahren aufsummierenden radioaktiven Belastung zu schließen, daß eines von 15 Kindern in der kontaminierten Region von einer durch Radioaktivität verursachten Erkrankung betroffen ist. Angesichts immer noch häufiger abwiegelnder Äußerungen in der Öffentlichkeit wies Schmid darauf hin, daß diese Erkenntnisse 34 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl hinreichend bewiesen sind. Das Vorgehen der japanischen Regierung sei "ein Verstoß gegen das Menschrecht auf Gesundheit", so Schmid. Auch der olympische Fackellauf, der ausgerechnet am radioaktiv stark belasteten J-Village, nur 20 Kilometer von Fukushima entfernt, beginnen soll, diene offenkundig allein dem Zweck "eine falsche Sicherheit medial darzustellen". IPPNW richte deshalb an IOC-Präsident Thomas Bach die Forderungen: "Stoppen Sie die Baseball und Softball-Spiele und sagen Sie den Fackellauf ab!" Wichtig sei eine Unterstützung der Olympia-Proteste der japanischen Anti-Atom-Bewegung aus Deutschland.

Wie in den vergangenen Jahren wurden auf der Demo am AKW Neckarwestheim solidarische Gruß-Botschaften zwischen den Bürgerinitiativen von Kyoto und Neckarwestheim ausgetauscht. In einem weiteren Redebeitrag erläuterte der Ingenieur Hans Heydemann die dramatische Alterung und Korrosion im AKW Neckarwestheim, Block 2, dessen Stilllegung laut dem 2011 verkündeten Versprechen eines Atom-Ausstiegs bis Ende 2022 in Aussicht gestellt ist. Nachdem solche Versprechen jedoch in Europa bereits mehrmals in der Vergangenheit gebrochen wurden, besteht derzeit kein Grund zur Hoffnung, daß das AKW Neckarwestheim bis zum 31. Dezember 2022 tatsächlich stillgelegt wird. Heydemann bat daher um Unterstützung für eine am Vortag gestartete Petition zur sofortigen Stilllegung des gefährlichen Schrott-Reaktors (Siehe auch unseren Artikel v. 19.09.18).

Christfried Lenz, Demo am AKW Neckarwestheim, 8.03.2020 - Foto: Klaus Schramm - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0

Dr. Christfried Lenz von der BI 'Bürgerenergie Altmark' hielt einen flammenden Appell für die Beschleunigung der Energie-Wende hin zu einer 100-prozentigen Versorgung durch erneuerbare Energien. "Atom-, Kohle- und Gas-Ausstieg müssen Hand in Hand gehen mit Energiesparen, Energieeffizienz und dem ungebremsten Ausbau der erneuerbaren Energien," so Lenz. So sei auch echter Klimaschutz möglich. Derzeit bestehe die Gefahr, daß die erneuerbaren Energien auf ein Nischendasein reduziert würden. "Von der Regierung dürfen wir keine Unterstützung der Energie-Wende erwarten," sagte Lenz. Angesichts einer Mehrheit der Bevölkerung sei die Regierung zwar verbal für die Energie-Wende, handele aber dagegen. Stamm-Domäne der Photovoltaik seien die Dächer. Lenz erinnerte an den 2010 verstorbenen Hermann Scheer, der schon 1993 einen seiner Artikel mit der Überschrift versah: "Sonnenenergie ist die Energie des Volkes". Die echte Energie-Wende komme von unten. Sie sei eine massenhafte Selbstermächtigung.

Musikalisch begleitet wurde die Demonstration von Trommelgruppen und vom Wertheimer Liedermacher Bousch Bardarossa mit seiner Band.

Die Forderung der Demonstration:
- Atomausstieg sofort!
- Kohleausstieg jetzt starten, bis 2030 abschließen!
- dezentrale Energie-Wende beschleunigen,
    Brems-Gesetze abschaffen!

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