Japan: Hohe Cäsium-Belastung der Luft ...


... auch lange nach Fukushima-Katastrophe

Tokio (LiZ). In der 26 Kilometer von den Reaktor-Ruinen des AKW Fukushima Daiichi entfernten Stadt Minamisoma wurden deutlich erhöhte Konzentrationen von radioaktivem Cäsium-137 in der Luft gemessen. Dies ergaben Auswertungen eines europäisch-japanischen ForscherInnen-Teams.

Die Analyse der Meß-Werte von drei Luftfilter-Stationen ergab, daß es in der Nähe der Stadt Minamisoma im Mai, im Juni und im August 2013 zu deutlich erhöhten Konzentrationen von radioaktivem Cäsium-137 in der Luft gekommen war. Ausgewertet wurden die Daten des Zeitraums Oktober 2012 bis März 2014.

Die größte Konzentration - 30-fach über dem Durchschnitt - wurde für die Woche vom 15. bis zum 22. August 2013 ermittelt. Für die anderen beiden Luftfilter-Stationen, 48 Kilometer nordwestlich (Tamano/Soma) und 22 Kilometer südwestlich (Kamikawauchi/Kawauchi) des havarierten AKW Fukushima Daiichi wurden die Zeiten mit erhöhten Cäsium-Konzentrationen nicht veröffentlicht.

Zusätzlich wurden in Bodenproben erhöhte Strontium-90-Konzentration gefunden (78 Bq/kg), die in einer solchen Entfernung vom AKW-Standort nicht erwartet worden waren. Strontium-90 stellt - wie Cäsium-137 - ein langlebiges radioaktives Isotop dar, welches nach Atom-Katastrophen die Umwelt über Jahrhunderte verseucht. Aufgrund seiner langen biologischen Halbwertszeit kann es vom Körper - einmal aufgenommen - praktisch nicht mehr ausgeschieden werden. Es wird in Knochen eingelagert und verstrahlt dort lebenslang das empfindliche Knochenmark.

Leukämien und Knochen-Tumoren sind die möglichen Folgen. Strontium ist technisch schwer nachweisbar und so besteht die begründete Sorge, dass das Isotop in Japan eine weitaus größere populationsmedizinische Bedeutung haben wird als bislang vermutet. Da es nun auch in großer Entfernung zum havarierten Kraftwerk gefunden wurde, gehen die AutorInnen davon aus, daß Erdarbeiten auf dem AKW-Gelände als Ursache in Betracht kommen. Die Frage, ob es sich unter Umständen um neue radioaktive Freisetzungen aus den havarierten Reaktoren selbst gehandelt haben könnte, wird in der Arbeit nicht diskutiert.

Zudem geben die AutorInnen selbst zu Bedenken, daß ihre Feststellungen von radioaktiven Freisetzung Zufallsbefunde durch mehrstündige Stichproben an einigen Tagen im Jahr darstellen. Daher ist davon auszugehen, daß viel öfter und möglicher Weise auch mehr radioaktive Stoffe mit der Luft quer über Japan verbreitet werden. Stürme, Pollenflug, Dekontaminations-Arbeiten und andere Ereignisse, die radioaktiven Staub aufwirbeln können, stellen somit eine weitere relevante gesundheitliche Gefahr für die japanische Bevölkerung dar.

Doch nicht nur die Menschen in Japan, sondern viele andere Lebewesen sind von der freigesetzten Radioaktivität betroffen. Japanische ForscherInnen stellten kürzlich in der Sperrzone massive Wachstums-Anomalien an Nadelbäumen fest. Die Mißbildungen häufen sich umso mehr, je geringer der Abstand zu den drei vom Super-GAU zerstörten Reaktoren ist. Aus der Relation zwischen dem Ausmaß der Mißbildungen und dem Abstand läßt sich ein Dosis-Wirkungs-Verhältnis ablesen.
Die Studie zur radioaktiven Belastung der Luft ist zu finden unter:
Georg Steinhauser et al.: Post-Accident Sporadic Releases of Airborne
Radionuclides from the Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant Site.
Environ. Sci. Technol. 2015, 49, 14028-14035
Link: http://pubs.acs.org/doi/pdf/10.1021/acs.est.5b03155

 

Quelle: http://www.linkszeitung.de/akwjap160111liz.html

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