Radioaktiver Müll aus dem AKW Gundremmingen, eine Müllverbrennungsanlage in Weißenhorn und der Irrsinn des Freimessens

Weißenberg - heiterer Himmel

Seit drei Jahren wird radioaktiver Müll aus dem AKW Gundremmingen in der Müllverbrennungs-Anlage in Weißenhorn verbrannt. Wolfgang Fendt, Bürgermeister der schwäbischen Kleinstadt, rund 20 Kilometer südöstlich von Ulm, erfuhr davon - nach eigenem Bekunden - erst im Januar. Allein in den Jahren 2016 und 2017 wurden aus dem AKW Gundremmingen 33 Tonnen sogenannter freigemessener radioaktiv belasteter Müll nach Weißenhorn transportiert und dort verbrannt.

In Baden-Württemberg gibt es zudem im Neckar-Odenwald-Kreis - also nördlich von Heilbronn - Proteste, weil radioaktiver Müll aus dem stillgelegten AKW Obrigheim oberflächennah auf Deponien billig abgelagert werden soll. Auch in diesem Fall handelt es sich um sogenannten freigemessenen Müll, der aber - anders als das Wort suggeriert - nicht etwa frei von Radioaktivität ist (Siehe hierzu auch unsere vorangegangenen Artikel v. 24.01.19 und v. 13.07.17).

Bereits im Dezember 2016 warnte die Landesärztekammer Baden-Württemberg vor der Verharmlosung von Strahlenschäden durch die geplante Verteilung schwach radioaktiven Atommülls aus den Atomkraftwerken Obrigheim, Neckarwestheim und Philippsburg auf Deponien. Die LandesärztInnenkammer fordert die Landesregierung auf, eine Verwahrung auch des gering strahlenden Mülls auf dem Kraftwerksgelände zu gewährleisten, bis "definitive und gesundheitlich zu verantwortende Lösungen der Endlagerung gefunden" seien (Siehe hierzu auch unseren Artikel v. 3.12.16).

Daraufhin versuchte der pseudo-grüne baden-württembergische Atom-Minister Franz Untersteller in direktem Kontakt mit dem Präsidenten der LandesärztInnenkammer, Dr. Ulrich Clever, zu erreichen, daß die ÄrztInnen Ruhe geben. Zunächst wurde auch eine mehrheitlich verabschiedete Stellungnahme auf der Internet-Seite der LandesärztInnenkammer gelöscht. Doch so einfach ließen sich die ÄrztInnen nicht den Mund verbieten. Im Mai 2017 fand zufällig in Freiburg der international renommierte Deutsche Ärztetag statt und prompt wurde dort eine Stellungnahme verabschiedet, in der vor der Verharmlosung von Strahlenschäden durch die geplante Verteilung von schwachradioaktivem Atommüll auf oberirdische Deponien gewarnt wird.

Immer wieder wird und wurde in den vergangenen Jahren propagandistisch ein völlig unsinniger Vergleich bemüht, der darauf spekuliert, daß die DurchschnittsbürgerInnen keine Ahnung von Strahlenphysik hätten. Um zu belegen, daß der Grenzwert von 10 Mikrosievert völlig "unbedenklich" sei, wird mit dem vermeintlich ungefährlichen Strahlungs-Risiko bei Transatlantik-Flugreisen oder beim Röntgen argumentiert. Ein entscheidender Unterschied besteht jedoch darin, daß weder bei einer Flugreise noch beim Röntgen eine erhöhte Gefahr besteht, radioaktive Partikel einzuatmen.

Ebenfalls als völlig unbedenklich deklariert wurde seit den 1950er-Jahren der Wert von 0,005 Milli-Sievert pro Jahr, der offiziell als Grenzwert für den sogenannten Normalbetrieb eines Atomkraftwerks gilt. 0,005 Milli-Sievert sind 5 Mikro-Sievert, also nur die Hälfte des Grenzwerts, der für das "Freimessen" gelten soll. Und bekanntlich sind in der 50-Kilometer-Zone um die deutschen Atomkraftwerke die Leukämie-Rate und die Rate bei Brustkrebs signifikant erhöht.

Alpha-Strahler - wie etwa das hochgefährliche Plutonium - können mit den beim sogenannten Freimessen angewandten Verfahren gar nicht detektiert werden. Alpha-Strahler haben eine sehr geringe Reichweite und deren Strahlung kann nicht einmal die menschliche Haut durchdringen. Um ein Teilchen Plutonium mit einem Gewicht von wenigen Milligramm mit dem entsprechenden Meßgerät zu entdecken, ist es daher vorher nötig zu wissen, wo gesucht werden muß.

Geraten Plutonium-Teilchen in eine Müllverbrennungs-Anlage, können sie übers ganze Land verteilt werden und - eingeatmet - Krebs verursachen. Bei Menschen, die an Krebs gestorben sind, wird jedoch nicht untersucht, ob Radioaktivität die Ursache war. Es wäre auch sehr aufwendig, eine Leiche darauf hin zu untersuchen, ob sich darin Plutonium oder ein anderer Alpha-Strahler befindet. Diese Untersuchung wäre zeitaufwendig und daher sehr teuer.

Auch das Argument, eine Strahlenbelastung bewege sich "nur" im Dosisbereich der "natürlichen" Hintergrundstrahlung ist nichts weiter als Propaganda. Neben dem Austritt von Radon aus dem Erdreich und der Radioaktivität aus den oberirdischen Atombomben-Tests resultiert eine bedeutende Quelle der sogenannten natürlichen Hintergrundstrahlung aus der diagnostischen Anwendung der Röntgenstrahlung und in der Medizin. Allein durch die durchschnittlich rund 1,3 Röntgenaufnahmen pro EinwohnerIn und Jahr in Deutschland wird eine zusätzliche Strahlenexposition von nach offiziellen Schätzungen 2 Milli-Sievert pro Jahr pro EinwohnerIn verursacht. Und laut einer in der medizinischen Fachzeitschrift 'Lancet' veröffentlichten Untersuchung sind 1,5 Prozent der jährlichen Krebsfälle hierauf zurückzuführen. Bei einer Dosis von 2 Milli-Sievert gibt es 5 zusätzliche Leukämiefälle und 20 zusätzliche Krebsfälle pro 10 Millionen Personen und Jahr. Dies sind in Deutschland also rund 200 zusätzliche Krebstote pro Jahr ausschließlich durchs Röntgen - allein auf der Grundlage der offiziellen und stark verharmlosenden Angaben. Und insgesamt sterben jedes Jahr in Deutschland - nach diesen offiziellen Angaben - bereits 8.400 Menschen an Krebs aufgrund der sogenannten natürlichen Hintergrundstrahlung.

Und eines ist auch klar: Beim Verbrennen von radioaktiv belastetem Müll verschwindet kein einziges Milligramm der Radioaktivität. Diese wird lediglich umverteilt.

Propaganda bot auch Heiko Ringel, Referent vom AKW Gundremmingen, bei einem Gespräch mit Behörden-VertreterInnen in Weißenhorn. Mitten in den Konferenzraum ließ er einen transparenten Plastiksack von handelsüblicher Größe stellen, der mit orangenem, weißem und andersfarbigem Inhalt - mutmaßlich Tücher oder Lappen - gefüllt war. In dem danach von der Südwestpresse am 4. Februar veröffentlichten Artikel war dann als erster Satz zu lesen: "Bei dem Abfall, der aus dem Atomkraftwerk Gundremmingen zur Müllverbrennungsanlage nach Weißenhorn geliefert wird, handelt es sich nicht um radioaktiven Müll." Keiner der im Konferenzraum anwesenden Anzugträger fragte den Referenten, ob er denn auch wage, seinen Kopf in den Sack zu stecken und dabei einmal kräftig einzuatmen.

Die Aussage, "Es handelt sich nicht um radioaktiven Abfall", stammte wortwörtlich von Referent Heiko Riegel. Und Klaus Buß vom sogenannten Landesamt für Umwelt (LfU) ergänzte, der aus dem AKW Gundremmingen angelieferte Müll sei so gering belastet, daß diese Strahlung "keine Rolle" spiele - "Das ist unkritisch." Bei kritischem Atommüll würde es sich übrigens um solchen handeln, bei dem es im nächsten Augenblick zur Kernschmelze käme. Unkritisch hingegen waren ganz offensichtlich die Anwesenden, die nicht einmal den Widerspruch zwischen den beiden Aussagen von Heiko Riegel und Klaus Buß bemerkten: Müll, der einerseits nicht radioaktiv ist, andererseits aber strahlt.

Veranstaltet hatte das Treffen der Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger. Dieser hatte nach dem Bekanntwerden des Skandals erst mal die Müll-Anlieferung aus dem AKW Gundremmingen gestoppt. Daß es sich dabei lediglich um eine Maßnahme handelte, um die Bevölkerung zu beruhigen, machte er bei jenem Treffen deutlich: Es bestehe nun mal ein Vertrag mit dem Landkreis Günzburg, den radioaktiven Müll aus dem AKW Gundremmingen zu verbrennen - und: "Wir können nicht aus heiterem Himmel vertragsbrüchig werden." Heiko Ringel, der Referent vom AKW Gundremmingen, konstatierte großzügig: "Irgendwann muß es weitergehen."

 

Quelle: Linkszeitung (www.linkszeitung.de/akwmue190204liz.html)

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