Schweiz: Hohes Risiko eines Super-GAU | Nachbarländer stark bedroht

Aus einer aktuell vorgelegten wissenschaftlichen Untersuchung geht hervor, daß bei einem Super-GAU in einem der fünf Schweizer Atom-Reaktoren je nach Wetterverhältnissen mehr als die Hälfte Baden-Württembergs für Jahrzehnte unbewohnbar werden kann.

Nach einem Super-GAU in einem der fünf Schweizer Atom-Reaktoren der vier Atomkraftwerke Mühleberg, Gösgen, Leibstadt und Beznau (2 Reaktoren) sind laut Untersuchungsergebnis mehr als hunderttausend Strahlenopfer in Europa zu erwarten - der größte Teil hiervon wahrscheinlich in einem der Nachbarländer. Die Studie wurde von einem interdisziplinären Team aus WissenschaftlerInnen der Universität Genf und des Genfer Institut Biosphère vorgenommen. Als Basis dienten moderne meteorologische Berechnungsmethoden und neue medizinische Erkenntnisse.

Aufgrund der Lage der Atomkraftwerke und der Bevölkerungsdichte in der Region wäre kein Land so stark betroffen wie Deutschland: Hier wären 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung radioaktiver Kontamination ausgesetzt, verglichen mit gerade einmal 8 Prozent in der Schweiz - also rund fünfmal so viele Menschen in Deutschland wie in der Schweiz. Und ebenso wenig wie das nahegelegene Freiburg im Falle des AKW Fessenheim nach 42 Jahren Betriebszeit einen Katastrophenschutzplan vorzuweisen hat, ist die baden-württembergische Landesregierung nach 8 Jahren Amtszeit eines pseudo-grünen Ministerpräsidenten auf einen Super-GAU in einem Schweizer AKW vorbereitet. Ebenso wenig ist die Schweiz auf einen Super-GAU vorbereitet.

AKW Leibstadt, Super-GAU - Grafik: Project flexRISK - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0

Vor allem die beiden grenznahen Atomkraftwerke Leibstadt und Beznau, die nur 50 beziehungsweise 60 Kilometer von Freiburg entfernt liegen, stellen nach Angaben der AutorInnen der Studie für die öffentliche Gesundheit in Deutschland eine massive Gefahr dar. So wäre etwa bei den konkreten Wetterverhältnissen am Montag, 27. Mai 2017, bei einem Super-GAU im AKW Leibstadt die gesamte Zone Basel - Freiburg - Lahr - Offenburg ausradiert - das heißt: Teil des Gebietes mit dem schwersten radioaktiven Fallout. Selbst bei geringen Windgeschwindigkeiten von 10-20 km/h ("leichte bis schwache Brise") wäre die radioaktive Wolke innerhalb von 3 bis 6 Stunden über deutschen Großstädten.

Neben den vier Schweizer Atomkraftwerken wurden auch die Auswirkungen eines Super-GAU in dem rund 30 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernten französischen AKW Bugey untersucht. Das Team um Dr. Frédéric-Paul Piguet analysierte realistische meteorologische Situationen und modellierte mögliche Verbreitungswege radioaktiver Partikel.

Die ForscherInnen wiesen in ihrer Arbeit darauf hin, daß das Risiko eines großen Unfalls in einem Atomreaktor angesichts der Ereignisse in den Atomkraftwerken Harrisburg (1979), Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) durchaus relevant ist und daß die untersuchten Schweizer Atomreaktoren mit zu den ältesten der Welt zählen: Leibstadt ist seit 1984 in Betrieb, Gösgen seit 1979, Mühleberg seit 1971 und Reaktor 1 des AKW Beznau, der dienstälteste kommerzielle Atomreaktor der Welt, seit 1969 - also seit nunmehr 50 Jahren. Block 1 des AKW Beznau war wegen hunderter Risse im Reaktorbehälter drei Jahre lang vom Netz. Und diese Risse existieren nach wie vor.

Mit jedem Betriebstag wächst das Risiko eines schweren Unfalls. Je älter der Reaktor, desto größer die Wahrscheinlichkeit von Materialversagen, heißt es in einem 2014 veröffentlichten Greenpeace-Report. Trotz Nachrüstungen und Reparaturen verschlechtert sich der Zustand wichtiger Bauteile im Laufe der Jahrzehnte. Zwischenfälle und Komplikationen nehmen zu.

Korrosions- und Materialschäden im Reaktordruckbehälter und die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen für Erdbeben oder Kühlungsausfälle haben in den vergangenen Jahren immer wieder zu Forderungen nach einer rascher Stilllegung der Schweizer Atomreaktoren geführt. Das AKW Beznau befindet sich im erdbebengefährdeten Oberrheingraben, was beim Bau nicht berücksichtigt wurde. Statt der geforderten Stilllegung hat die Schweizer Atombehörde ENSI im Februar 2019 die Sicherheitsbestimmungen sogar gelockert, um einen Weiterbetrieb der Atomreaktoren zu ermöglichen.

Die WissenschaftlerInnen untersuchten die Menge an austretender Strahlung, deren Verteilung je nach Wetterlage in den ersten 72 Stunden und die gesundheitlichen Folgen für die betroffene Bevölkerung. Anders als in Fukushima, wo nahezu 80 Prozent der Radioaktivität vom Wind aufs offene Meer getragen wurde, würde eine Kernschmelze in einem Schweizer Atomkraftwerk unweigerlich zu einer radioaktiven Kontamination großer Teile Mitteleuropas führen. Die Zahl der betroffenen Menschen variiert dabei je nach Wetterlage. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß im schlimmsten Fall mehr als 20 Millionen Menschen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wären, bis zu 500.000 Menschen umgesiedelt werden müssten und bis zu 100.000 Menschen relevante gesundheitliche Folgen in Form von Krebserkrankungen und anderen gesundheitliche Strahlenfolgen erleiden würden - darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schäden des Erbguts, Fehlgeburten und Mißbildungen. Selbst bei günstigen Wetterbedingungen ist immer noch von mehr als 18.000 strahlenbedingten Krebserkrankungen auszugehen.

"Es ist überfällig, daß die deutsche Bundesregierung mit der Schweizer Regierung und im Rahmen der EU entschieden auf den europaweiten Atomausstieg hinarbeitet," fordert die europäische IPPNW-Vizepräsidentin Dr. Angelika Claußen. Dabei sollten beide Regierungen bindende Klimaschutzziele für die EU (schnelle CO-Reduzierung auf Null) unterstützen.

Der deutsche IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen ergänzt: "Die neue Studie aus der Schweiz bestätigt unsere Sorgen. Wir sind den Kolleginnen und Kollegen in Genf dankbar, daß sie auf die wachsende Gefahr eines Schweizer Tschernobyls hinweisen und die katastrophalen Folgen wissenschaftlich unangreifbar präsentieren." IPPNW unterstützt damit die Forderung der Anti-Atom-Bewegung nach einem sofortigen Atom-Ausstieg.

Die vollständige Studie: https://institutbiosphere.ch

Quelle: Linkszeitung

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