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Sonntag, 26. April 2026

Super-GAU Tschernobyl
Die Katastrophe dauert auch heute noch an

Super-GAU Tschernobyl, 26. April 1986 - Grafik: Samy - Creative-Commons-Lizenz Namensnennung Nicht-Kommerziell 3.0
Am 26. April 1986 - heute vor 40 Jahren - ereignete sich ein Super-GAU* im sowjetischen AKW Tschernobyl. Die Katastrophe dauert auch heute noch an. Nur wer lebensmüde ist oder sich eine Krebserkrankung wünscht, verspeist bestimmte Pilze oder das Fleisch von Wildschweinen aus Baden-Württemberg oder Bayern, das auch heute noch häufig so hoch mit dem radioaktiven Cäsium-137 belastet ist, daß es - zumindest laut gesetzlichen Vorschriften - "entsorgt" werden muß, weil der "Grenzwert" von 600 Becquerel pro Kilogramm überschritten wird.

Der Super-GAU von Tschernobyl war allerdings keineswegs der erste: Bereits am 21. Januar 1969 ereignete sich eine Kernschmelze im Schweizer Versuchs-AKW Lucens. Diese verursachte eine Explosion, die so gewaltig war, daß der Reaktor völlig zerstört wurde.

Am 30. November 1975 kam es in einem sowjetischen AKW bei Leningrad zu einem Rohrbruch. Durch geschmolzene Brennelemente wurden große Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt. Noch in Finnland wurden radioaktive Niederschläge gemessen. Offiziell wurde der Unfall erst Mitte 1990 bestätigt.

Am 28. März 1979 kam es im AKW Harrisburg ("Three Mile Island") im US-Bundesstaat Pennsylvania zum bis dahin schwerste Atomunfall der USA. Eine teilweise Kernschmelze erzwang die Evakuierung der Umgebung, nachdem radioaktiv verseuchtes Gas in die Atmosphäre entwichen war. Erst durch einen Kommissionsbericht wurde am 31. Oktober 1979 bekannt, daß zwei Wasserstoff-Explosionen im Reaktorkern stattgefunden hatten. Nachdem der Reaktor Jahre später geöffnet werden konnte, wurde rekonstruiert: Auf dem Höhepunkt des "Störfalls" lag die Temperatur mit rund 1.400 Grad Celsius nur etwa 100 Grad unter dem Schmelzpunkt der Stahlwände des Reaktordruckbehälters.

Im Januar 1980 bildete sich ein Riß in einer Leitung des Reaktor-Kühlsystems des französischen AKW St. Laurent. In der Folge schmolz ein Teil der Brennelemente. Radioaktivität trat in die Umgebung des AKW aus.

Der Super-GAU von Tschernobyl verursachte mindestens 70.000 Tote. 800.000 Menschen hatten sich freiwillig oder gezwungen an den Aufräumarbeiten nach dem Unfall beteiligt. Mindestens 50.000 von ihnen starben in den ersten siebzehn Jahren danach an Strahlenschäden oder Suizid. Allein in der besonders verseuchten weißrussischen Region Gomel muß mit mehr als 100.000 Fällen von Schilddrüsenkrebs gerechnet werden.

Die Atom-ExpertInnen der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA behaupteten 2006, lediglich 56 Tote gingen auf den Unfall zurück: 47 Katastrophen-Helfer und neun Kinder mit tödlich verlaufendem Schilddrüsenkrebs. Die ukrainische Kommission für Strahlenschutz bezifferte die Tschernobyl-Toten der ersten zwanzig Jahre auf 34.499 Menschen. Die UN-Gesundheitsorganisation WHO veranschlagte bereits im Jahr 2000 die Zahl der Katastrophen-Helfer, die an Strahlenschäden und Suizid zu Tode kamen, auf 50.000.

Laut Auskunft von Michail Gorbatschow belief sich der volkswirtschaftliche Schaden auf umgerechnet rund 250 Milliarden Euro.

In Österreich, wo bereits im Jahr 1978 ein Atomausstieg per Volksentscheid durchgesetzt werden konnte, wurden die Folgen des Super-GAU von Tschernobyl besser dokumentiert als in Deutschland. Das 1978 fertiggestellte AKW Zwentendorf ging nie in Betrieb. Das österreichische Umweltbundesamt war eine der ersten Institutionen, die die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe wissenschaftlich aufgearbeitet hat. Es veröffentlichte Karten, die zeigen, wo und in welchem Ausmaß Österreichs Böden mit Cäsium-137 im Laufe der letzten 40 Jahre belastet waren und bis heute noch sind. Cäsium-137 ist von den freigesetzten radioaktiven Stoffen das langlebigste und damit ein wichtiger Indikator für die langfristige Belastung der Umwelt. Die höchsten Cäsium-137 Werte verzeichnen Gebiete in Oberösterreich, Kärnten, Salzburg und der Steiermark. Die regionalen Unterschiede sind auf die Niederschlagsmengen in den Tagen nach dem 26. April 1986 zurückzuführen. Die österreichischen Cs-137-Karten sind auch über das Geografische Informationssystem (GIS) abrufbar.

Auch in Deutschland ist Atomkraft nach der Stilllegung der letzten drei deutschen Atomkraftwerke im April 2023 noch längst nicht Geschichte. Hunderttausende Generationen müssen mit dem strahlenden Müll umgehen. Er steht nach wie vor in unsicheren sogenannten Zwischenlagern und die Suche nach einem "Endlager" verzögert sich noch mindestens bis zur Mitte des Jahrhunderts.

Hinzu kommt, daß der Atomausstieg de facto noch längst nicht abgeschlossen ist. So verfügen etwa die UAA Gronau und die Brennelementefabrik Lingen nach wie vor über unbefristete Betriebsgenehmigungen. Und über ein Dutzend große deutsche Firmen - wie beispielsweise das Tunnelbau-Unternehmen Herrenknecht - sind weiter ins internationale Geschäft mit der Atomenergie verstrickt.
Siehe hierzu: www.antiatomfreiburg.de/akwaus241223a.html

Anmerkung

* Auch heute noch bringen vermeintliche ExpertInnen die Begriffe GAU und Super-GAU durcheinander. Der Begriff GAU - größter anzunehmender Unfall - entstammt dem "Fach-Kauderwelsch" der "Kernkraft"-Klempner. Gemeint ist damit ein - fiktiver! - größter Unfall in einem AKW ("Kernkraftwerk"), der aber mit Hilfe der mehrfach redundanten Sicherheitssysteme unter Kontrolle gehalten werden kann. Der Begriff Super-GAU (super = "über") bezeichnete daher seit den 1970er-Jahren einen möglichen AKW-Unfall, bei dem die vorhandenen Sicherheitssysteme versagen und bei dem in der Folge Radioaktivität in die Umgebung des AKW gelangt. In der Propaganda für die "Kernenergie" hieß es noch bis 1986, ein Super-GAU sei "undenkbar", ein Austritt von Radioaktivität aus der Schutzhülle des AKW sei "unmöglich" - und wenn doch, sei die Wahrscheinlichkeit "vernachlässigbar" gering. Im 1975 erschienene 'WASH-1400' - in den Medien auch unter der Bezeichnung "Rasmussen-Report" bekannt - wurde die Wahrscheinlichkeit für einen Super-GAU mit eins zu einer Milliarde Jahre pro Reaktor angegeben. Bei 400 Atom-Reaktoren weltweit würde dies bedeuten, daß ein solcher schwerer Unfall nur einmal in 10 Millionen Jahren vorkommen kann.